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Mein bewegtes Leben in Kurzform - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

In diesem Text, der nur handschriftlich vorliegt, erzählt Gisela Al Amily in stark komprimierter Form von den wichtigsten Ereignissen ihres Lebens. Möglicherweise wollte sie ihr spannendes Leben darin noch einmal Revue passieren lassen und eine Art Bilanz ziehen. Denn der Text entstand im März 2014, ca. sechs Monate nachdem sie erfahren hatte, an Lungenkrebs erkrankt zu sein. Zusätzlich könnte ein ganz praktischer Grund eine Rolle gespielt haben: Sie hatte mit einem ihrer Söhne vereinbart, dass er, für den Fall, dass ihr Leben nun wirklich zu Ende gehen sollte, die Trauerrede für sie halten würde, da sie kein kirchliches Begräbnis wünschte. Vielleicht wollte sie ihm diese Aufgabe mit dem Text etwas erleichtern - was später tatsächlich der Fall war.


Mein bewegtes Leben in Kurzform

Auf den folgenden Blättern habe ich die wichtigsten Ereignisse meines Lebens aufgeschrieben.

[...]

Ich, Gisela Al Amily, wurde 1936 in Uelzen geboren. Als Kind erlebte ich Fliegeralarme u. Bombenangriffe u. 9-jährig den 5-tägigen Kampf um Uelzen im April 1945. Danach Jahre der Entbehrung bis zur Währungsreform 1948. Alles unvergessen.

Ich hatte ein sehr bewegtes Leben, mit Höhen u. Tiefen. Ich bin 17 Mal ! umgezogen. 1 ¼ Jahre lebte ich in Paris, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Täglich besuchte ich die Alliance Française, die ich mit dem Diplom « avec mention honorable » abschloß. Mit meiner Au-pair-Familie war ich glücklich. Ich lernte Menschen aus verschiedenen Ländern kennen u. gewann Freundinnen fürs Leben. Ebenfalls der Sprache wegen ging ich 9 Monate nach London. In Hamburg schloß ich eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin mit Diplom ab. 1961, während meines Londonaufenthalts, lernte ich den irakischen Studenten Razak Al Amily, einen intelligenten, zuverlässigen, hilfsbereiten u. politischen Mann kennen.

1963 wurde er mein Ehemann.

1965 wurde unser erster Sohn geboren: Ulrich-Karim, genannt Rimi.

Ab 1966 lebten wir drei Jahre in Bagdad in einer mir fremden, aber sehr interessanten Welt. Mit unseren armenischen Nachbarn verband uns eine innige Freundschaft. Der kleine Rimi sprach bald fließend armenisch - statt Arabisch... Ich fand eine Arbeit an der Deutschen Schule, im Kindergarten. So bekamen wir Kontakt zu anderen Deutschen.

1969, als ich hochschwanger war, kehrte ich mit Rimi nach Deutschland zurück, nach Uelzen zu meinen Eltern, die froh waren, uns wiederzuhaben. Razak folgte erst nach einem Jahr. Er musste sein Stipendium abarbeiten. Für mich wurde es ein sehr schweres Jahr.

1969 im Okt. wurde unser 2. Sohn, Faris, geboren. Ich begann 3 Monate nach seiner Geburt ½ tags im Krankenhaus zu arbeiten. Rimi kam mit in den Betriebskindergarten. Meine Mutter erkrankte schwer für einige Monate u. Faris kam mit sieben Monaten für fünf Wochen ins Kinderkrankenhaus Celle, wo er an einem "Teratom" am Kopf operiert wurde.

Für Razak musste ich eine Arbeitsstelle finden, ohne die gab es keine Aufenthaltserlaubnis. Der Mann einer engen Freundin half. Razak bekam eine Anstellung als Ingenieur bei Philips u. blieb 25 Jahre bis zum Ruhestand.

Für mich war das 1. Jahr zurück in Deutschland voller Mühsal u. Dramatik und ich war völlig erschöpft.

Im Juli 1970 konnte Razak endlich einreisen u. bekam Bleiberecht.

Ab 1982 arbeitete Razak für Philips in Riad/Saudi Arabien. Faris, ich u. Kater Mucki kamen mit. Rimi, fast 17-jährig ging nach Düsseldorf aufs Internat. Faris besuchte die deutsche Schule in Riad.

Nach sechs Wochen Aufenthalt in Riad - ich war gerade so glücklich - mein Leben war so leicht, so angenehm und hochinteressant - wurde ich schwer krank. Überstürzt flog ich nach Eindhoven/Holland, Hauptsitz von Philips, um mich im Diakonissen-Krankenhaus untersuchen zu lassen - meine rechte Niere war von einem großen Carzinom befallen. Sie wurde entfernt. Nach 4 Wo. zurück in Riad, noch geschwächt von der Operation, begann ich aus dem Gedächtnis Miniaturen vom arabischen Alltagsleben zu malen.

Ich wurde von einer deutschen Künstlerin entdeckt u. nahm bald an mehreren Ausstellungen in Riad teil. Meine kleinen Bilder waren beliebt. Ich konnte mein Glück nicht fassen. Es war der Beginn meiner künstlerischen Laufbahn.

In Riad lernte ich wieder Menschen aus aller Welt kennen, gewann Freunde für's Leben. Einladungen gingen hin u. her. Ein angenehmes Leben. Philips hat viel zu unserem Wohlbefinden beigetragen. Für mich waren die Ausflüge am Wochenende in die Wüste herrlich, das schönste aber waren die Bummel durch die Souqs, wo ich mir besonders Beduinenschmuck erhandelt habe u. dabei mit meinen Arabischkenntnissen punkten konnte. Ein Fahrer fuhr mich u. eine Freundin zu den Souqs u. brachte uns später wieder nach Hause.

1985 kehrten wir nach Deutschland zurück u. kauften uns ein Haus in Hamburg-Poppenbüttel. Bald nahm ich für 5 Jahre Malunterricht in einem Malinstitut. Malen wurde zu meiner Leidenschaft. Statt Miniaturen wurde jetzt großformatig gemalt.

Razak hatte viel in Moskau zu arbeiten, manchmal über Wochen. Einmal besuchte ich ihn dort per Zug - 2 Nächte u. 1½ Tage war ich unterwegs. 1993 arbeitete Razak für 1¼ Jahre für Philips in Dresden. Er findet eine nette Wohnung und ich besuche ihn häufig. Dresden wird meine Traumstadt.

Um in unserem Haus in Hamburg nicht alleine zu wohnen - unsere Söhne waren aus dem Haus - vermietete ich ein Zimmer an eine junge Dänin: Ann Sofie. Wir verstanden uns bestens u. ich wurde ihre "deutsche Mama" u. bin es bis heute geblieben.

1995: Trennung von Razak.

1996: Verkauf unseres Hauses.

Im selben Jahr fand ich eine wunderbare Aufgabe: nämlich die Leitung einer gerade gegründeten Senioren-Malgruppe bei der LAB (Lange Aktiv Bleiben). Wegen des guten Zuspruchs gründete ich 2 Jahre später eine weitere Gruppe. Es wurde eine sehr erfolgreiche Arbeit.

Razak zog 2001 nach Berlin u. ich half ihm beim Umzug. Berlin fing an, mich zu interessieren.

2002 zog ich ebenfalls nach Treptow - Baumschulenweg - auf eine Baustelle. Nur meine Altbauwohnung war restauriert, die übrigen neun Wohnungen wurden innerhalb der nächsten sieben Monate fertiggestellt. Das war alles recht chaotisch.

10 Jahre lebte ich in dieser Wohnung u. manche junge Mitbewohner haben es mir mit ihren nächtlichen "Musiküberfällen", wie ich sie nannte u. sonstigem Lärm nicht immer angenehm gemacht. So war ich überglücklich, als ich 2012 die Wohnung [...] kaufen konnte, [...]. Diese Wohnung ist mir ein richtiges Zuhause, sowie Berlin mir Heimat geworden ist mit den Dienstag-Abenden im Kulturbund, dem freitäglichen Französisch-Kurs an der VHS u. dem anschließenden Pizzaessen im CASOLARE in Kreuzberg u. mit all den Menschen, die mir freundschaftlich verbunden sind.

Nach allen Schwierigkeiten, die zu bewältigen waren u. die ich gemeistert habe, empfinde ich einen gewissen Stolz u. halte mein Leben für gelungen.

Viele Schutzengel haben mich vor großem Unglück bewahrt.

Razak u. ich sind trotz Trennung in enger Freundschaft verbunden.

Rimi u. Faris sind liebevolle, gute u. tüchtige Söhne, die ich von Herzen liebe. Zu meinem Bruder u. meiner Schwester u. Familien habe ich eine enge Beziehung, wie ich sie auch zu meinen längst verstorbenen Eltern hatte.

Meine Malerei hat mich glücklich gemacht. Ich hatte etliche Ausstellungen u. habe viel Anerkennung bekommen.

Dies war mein bewegtes Leben in Kurzform.

Gisela Al Amily

23. III. 2014