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Tonaufnahmen der Malerin Gisela Al Amily

Einen besonders direkten und eindrucksvollen Zugang zum Leben und zur Persönlichkeit Gisela Al Amilys eröffnen die von der Künstlerin besprochenen Tonkassetten, deren Inhalt Sie auf dieser Seite anhören können. Auf diesen Kassetten zeichnete die Malerin einen Vortrag über ihr Leben im Orient auf sowie einige Anekdoten und Geschichten. Die meisten davon sind auf Plattdeutsch, aber unter den Tonspuren können Sie jeweils die hochdeutsche Übersetzung einblenden.

Da die Aufzeichnungen vermutlich mit einem einfachen Kassettenrekorder erfolgten und die Kassetten zum Zeitpunkt der Digitalisierung über 20 Jahre alt waren, treten trotz Bearbeitung teilweise noch einige Störgeräusche auf. Insgesamt ist die Tonqualität jedoch akzeptabel. Zu einem späteren Zeitpunkt wird sie noch weiter verbessert.


 

1001 Nacht - Ein Frauenleben in einer anderen Kultur

Plakat eines der Vorträge über das Leben der Malerin in Bagdad und Riad

Gisela Al Amily erzählt insgesamt eine Stunde lang aus ihrem Leben in Riad (Saudi-Arabien) von 1982 bis 1985. Es handelt sich vermutlich um die Aufnahme eines von mehreren Vorträgen, die sie unter dem Titel "1001 Nacht - Ein Frauenleben in einer anderen Kultur - Gisela Al Amily erzählt" 1996 in Hamburg hielt. Dabei zeigte sie auch ihre Sammlung arabischen Silberschmucks, Kannen, Kleider und einige ihrer Gemälde. Eventuell hat sie die Aufnahme später ergänzt. Die Kassette mit dem ersten Teil, über ihr Leben in Bagdad (Irak) von 1966 bis 1969, konnte in ihrem Nachlass bisher nicht gefunden werden. Sie hat darüber jedoch verschiedene Texte geschrieben.

Wenn einige ihrer Schilderungen unglaublich klingen, so muss man bedenken, dass sich Saudi-Arabien in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert hat. Viele Dinge, die man heute dort sieht, waren zu der Zeit, als die Künstlerin dort lebte, unvorstellbar, und vieles, was heute unvorstellbar wäre, war damals üblich.


Anmerkungen

01:36 - Hadschi: Jemand, der die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch) in der im Koran vorgeschriebenen Weise unternommen hat.

00:27 - Die Temperaturen erreichen im Sommer teilweise um die 50° C im Schatten.

10:00 - Olaya - der Stadtteil in Riad, in dem Gisela Al Amily von 1982 bis 1985 lebte - auf Google Maps

22:28 - Mutawa = Religionspolizist. "Islamische Religionspolizei" auf Wikipedia.

26:59 - Es handelte sich um Traubensäfte der Firma Rauch. Gelegentlich sah man vor Häusern mehrere übereinander gestapelte Kartons davon beim Müll stehen.

45:35 - Das Einkaufszentrum "Al Akaria 1", von dem sie spricht, auf Google Maps. In diesem damals ganz neuen, modernen, mit Marmor ausgekleideten Einkaufszentrum gab es zeitweilig sogar für Männer und Frauen getrennte Rolltreppen, eine der vielen eigenartigen Regelungen, die damals plötzlich eingeführt wurden und genauso plötzlich wieder verschwanden. Nach offiziellen Informationen wird das Al Akaria 1 demnächst abgerissen.

48:49 - Ende März 1982 bekam die Künstlerin plötzlich anhaltende unerträgliche Schmerzen in der rechten Seite. Der von ihr vermutete "Gallenstein" entpuppte sich als großer bösartiger Nierentumor. Die Niere wurde daraufhin in Eindhoven (Niederlande) entfernt. Zurück in Riad, suchte sie in der Erholungszeit nach einem Zeitvertreib und begann, regelmäßig zu malen.

56:28 - Bei der Abkürzung handelte es sich um einen von vielen Autofahrern gemachten, aber nicht erlaubten U-Turn auf einer größeren Straße in der Nähe des Wohnhauses der Malerin.

 

Geschichten auf Plattdeutsch und Hochdeutsch

Auf einer Kassette erzählt Gisela Al Amily sieben heitere Geschichten aus ihrem Leben auf Plattdeutsch, die sie, wie sie sagt, ein wenig ausgeschmückt hat, die aber im Kern wahr sind. Im Anschluss daran erzählt sie eine dramatische Geschichte auf Hochdeutsch, zu deren Realitätsgehalt sie nichts sagt, die allerdings erfunden erscheint, da sie zu Lebzeiten nie von einem annähernd ähnlichen Ereignis berichtete.

Es ist nicht klar, warum sie in zwei der Geschichten auf Plattdeutsch den Namen "Gesa" verwendet, aber es erscheint offensichtlich, dass sie sich damit selbst meint.

Einleitung und "De Harzerkees" ("Der Harzer Käse")

... Just als er sich tapsig auf seinen Drahtesel schwingen will ...

Kurze einleitende Worte, danach die Geschichte von einem Streich ihres Vaters, bei dem ein zweckentfremdeter Harzer Käse die Hauptrolle spielt.


Hochdeutscher Text

Hallo liebe Zuhörer,

auf dieser Kassette will ich Euch mal ein paar kleine Geschichten aus meinem Leben auf Plattdeutsch erzählen.

Die erste Geschichte ist eine kleine Anekdote über etwas, das unser Vater in seinen jungen Jahren ausgefressen hat, und die heißt: "Der Harzer Käse".

Mein Vater war ein guter Erzähler. Wenn wir bei einer Familienfeier zusammenkamen, baten wir ihn immer um eine kleine Geschichte von früher. Eine davon war diese: "Der Harzer Käse".

"Ich war ein junger Kerl.", sagt Vater. "Einen Sommerabend sitze ich mit meinen Fußballfreunden zusammen im Vereinshaus. Wir haben gewonnen gegen Eintracht Wellendorf. Nun feiern wir vergnügt bei Bier und ein bisschen Essen. Manch einer trinkt mehr als er vertragen kann.

Um zwölf Uhr ist Feierabend.

Beim Rausgehen werde ich eines einsamen Harzers auf dem Tisch gewahr. 'Och', denke ich, 'schade um den Käse', und nehme ihn mit.

So recht weiß ich nicht, wohin mit dem Stück. Beim Überlegen lass es ein paar Mal in der Hand auf und ab hüpfen.

In diesem Augenblick kommt Sportsfreund Erich mit seinem Fahrrad um die Ecke, nach all dem Bier ein bisschen wackelig auf den Beinen.

Just als er sich tapsig auf seinen Drahtesel schwingen will, kommt mir der Käse in den Sinn. Flugs schiebe ich ihn auf den Sattel des Rads.

Erich schwankt unsicher hin und her. Nach ein paar Schlenkern kommt er in die Gänge. Mit dem Lied 'Oh, wie stolz sind die Husaren' reitet er gemütlich auf seinem Harzer-Käse-Kissen nach Hause.

Als seine Mutter am nächsten Tag in sein Zimmer kommt, um ihn aus tiefem Schlaf zu wecken, fährt sie zurück, reißt das Fenster auf und schreit: 'Erich, was hast Du gemacht?!'

In der Wärme des Schlafzimmers hatte der Harzer Käse über Nacht sein ganzes Aroma entfaltet ..."

 

"Tan'e Luis' bi'n Angeln" ("Tante Luise beim Angeln")

... sie kann den Hut nicht erreichen ...

Gisela Al Amily erzählt die Geschichte von ihrer Tante Luise, die eine etwas eigentümliche Auffassung vom "Angeln" hat.


Hochdeutscher Text

Und nun "Tante Luise beim Angeln"

Meine Tante Luise war eine feine Frau. Wenn sie ausging - immer mit Handtasche, Hut und Handschuhen. Sogar in der schlechten Zeit nach dem Krieg trug sie Schmuck, denn sie konnte aus zwei alten Plünnen ein neues Kleid machen.

Einmal hat sie sich ein hübsches Kostüm aus Opas altem Gehrock genäht und war mächtig stolz.

An einem trüben, windigen Frühjahrstag geht sie in ihrem besten Stück mit Hut und Schirm zu ihrer Freundin Grete auf Kaffeebesuch. Im Vorgarten pflückt sie noch ein paar Blumen, dann los zur Wilhelmstraße.

Sie stolziert durch die Stadt und guckt hier und da in die Ladenfenster rein, nicht wegen der Waren, nee, bloß um sich in den Scheiben zu spiegeln.

Sie kommt zur Beckerbrücke über die Ilmenau, kurz vor der Wilhelmstraße. Da kriegt eine Böe sie zu fassen. Der Schirm klappt um und der Hut segelt in hohem Bogen in den Bach.

Nun aber unsere Luise ...

Sie saust von der Brücke über den Hof von der Bleek. Schmeißt Blumen, Tasche und Schirm unter einen Baum, reißt eine Wäschestange von der Leine und jagt hinter ihrem Hut her.

Für einen Augenblick ist er im Schilf gefangen - auf der anderen Seite, dann driftet er weiter vorwärts.

Tante Luise zieht nun ihren Rock nach oben, bis weit über die Knie. Sie fuchtelt mit der Stange im Wasser herum, aber sie kann den Hut nicht erreichen. Sie jagt auf der Wiese immer neben ihm her. Dann hinter einer Baumwurzel mit dem Hacken - knack, weg ist er.

Sie gibt nicht auf.

Nun schwimmt der Hut auf ihrer Seite, aber eine ganze Ecke weg.

Luise ist mächtig aus der Puste. Ihr Dutt kommt runter und die Brille ist schmierig. Sie reist alle ihre Kraft zusammen - sie will ihren Hut wiederhaben.

Aber dann mit einem Mal tritt sie beim Laufen in ein Matschloch und liegt wie ein Maikäfer auf dem Rücken. Mit Mühe rappelt sie sich auf. Der Hut ist nur noch als ein kleiner Punkt auf dem Wasser zu sehen.

Tante Luise guckt an sich runter. Löcher in den Strümpfen; Rock, Jacke und alles voller Matsch.

Tränen kommen ihr in die Augen.

Tja, nun noch das kurze Stück bis zu Grete.

Die schreit, als Luise in der Tür steht und schlägt die Hände überm Kopf zusammen.

"Bist Du untern Wagen gekommen?!"

"Nee, ich war Angeln."

 

"De Hackenschoh" ("Die hochhackigen Schuhe")

... sie kommt bloß langsam vorwärts ...

Gisela Al Amily erzählt von ihrem ersten "großen Auftritt" in hochhackigen Schuhen.


Hochdeutscher Text

Die hochhackigen Schuhe

"Du, darf ich heute Abend Deinen engen Rock und die hochhackigen Schuhe anziehen?", fragt Gesa ihre ältere Schwester.

"Den Rock meinetwegen, die Pumps nicht. Die trittst Du mir runter."

"Och!"

"Nee!"

Gesa denkt: "Mag kommen, was will, ich brauche sie heute."

Sie ist eingeladen bei ihrem Cousin zu seinem 17. Geburtstag. Sein Freund Erwin soll auch kommen. - Oh, das ist ein flotter Kerl. Wenn sie ihn trifft, kriegt sie Herzklopfen - und einen roten Kopf. Das ärgert sie.

Als es dunkel ist, stellt sie heimlich die Pumps in den Vorgarten hinter einen Busch. Dann macht sie sich zurecht.

Beim Tschüßsagen guckt ihre Mutter an ihr runter.

"Sambapuschen zum engen Rock? Ich weiß ja nicht ..."

"Och", sagt das Mädchen, die sind bequem auf dem langen Weg zu Klaus-Dieter."

"Um elf bist Du mir wieder zurück!", ruft Mama hinter ihr her, als Gesa schon aus der Tür ist.

Im Garten schnell Schuhwechsel. Dann geht sie los.

Oh, was für ein Gefühl! - Elegant wie eine Lady.

Sie kommt bloß langsam vorwärts.

Als sie nach einer Weile die Kirchturmuhr sieht, ist es schon zehn vor sechs. Um sechs soll sie da sein.

Sie zieht ihren Rock nach oben, weit über die Knie, sodass sie besser ausholen kann, so gut, wie das geht mit den Stelzen.

Nach kurzer Zeit rebellieren ihre Zehen. Was die Schuhe vorne zu schmal sind, sind sie hinten zu breit.

Mindestens 15 Minuten muss sie noch laufen. Aber das will nicht so recht. Bald spürt sie ein Scheuern an den Hacken, es dauert nicht lange, Brennen wie Feuer. Blasen. Am liebsten würde sie barfuß gehen, es ist aber zu kalt.

Nun fühlt sie eine Laufmasche an ihrem Bein hochkriechen. - Auch das noch ...

Endlich sieht sie das Haus ihres Cousins. Was für ein Glück.

Aus der Puste und verschwitzt stakst sie vorwärts.

Ein Fahrrad bremst scharf an ihrer Seite. - Sie erschreckt sich und zieht ihren Rock runter.

Erwin! ...

"Gesa! Was ist mit Dir? Trittst in die Kuhle und stampfst wie ein Elefant?!"

Gesa ist so baff, dass sie nicht antworten kann.

Nun kommt sie mitten unter das Licht der Straßenlaterne.

Erwin guckt an ihr runter und prustet los. "Wie siehst Du denn aus? DU mit hochhackigen Schuhen?!" Er will sich totlachen. "Willst Du 'ne lustige Einlage geben heute Abend?!"

"Pöh!", faucht sie mucksch.

Sie beißt die Zähne zusammen und kämpft mit den Tränen.

Dann trudeln sie bei Klaus-Dieter ein.

Gesa ist sauer auf Erwin und guckt ihn den ganzen Abend nicht an.

Aber irgendwann vergibt sie ihm ...

Und nun sind sie schon 38 Jahre ein glückliches Ehepaar.

 

"Besöök bi Schulten" ("Besuch bei den Schultens")

Mama, mir ist schlecht! ...

Gisela Al Amily erzählt eine Anekdote aus der entbehrungsreichen Nachkriegszeit, als man sich plötzlich auch der entferntesten Verwandten erinnerte.


Hochdeutscher Text

Besuch bei den Schultens

Nachkriegszeit - wir sind hungrig. In diesem Zustand fallen meiner Mutter all die noch so entfernten Verwandten des Landes ein. Wir gucken nur hier und da mal rein. Diesmal bei den Schultens in Holdenstedt.

Wir strampeln sieben Kilometer auf unseren klapprigen Fahrrädern, immer Wind von vorn. Die ganze Zeit denke ich bloß an Essen. Mir ist mächtig flau im Magen nach dem kleinen, trockenen Stück Brot zum Frühstück.

Endlich sagt Mutter: "Hier, das muss der Hof sein." Der Wachhund bellt und fletscht die Zähne und will seine Eisenkette aus der Wand reißen. Durch die Haustür kommt mir Bratkartoffelgeruch in die Nase. Mittagszeit. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Nach dem dritten Mal klingeln: Schritte - dann steht eine kleine, dralle Frau mit roten Backen in der Tür.

"Ja?"

"Tag, Mariechen, ich bin Gertrud, die Frau von Adolf."

"Adolf?"

"Ja, Adolf, der Cousin des Schwagers Deiner Mutter. Vor dem Krieg haben wir mal zusammen Hochzeit gefeiert bei Wellmanns in Ohlendorf - und nun wollte ich mal fragen ..."

"Ja, ja, dann kommt mal rein in die Stube. In der letzten Zeit ist unsere Verwandtschaft mächtig groß geworden ..."

Mariechen grinst und verschwindet in der Küche.

Klappern mit Töpfen und Pfannen.

Die Bauersfrau kommt mit zwei Tellern voll fettiger Bratkartoffeln zurück. "Nun lasst Euch das mal gut schmecken. Ich packe Euch noch ein bisschen was ein."

Meine Mutter hat Tränen in den Augen. Sie faselt von Dank und Wiedergutmachen und ich weiß nicht was.

Ich stopfe rein, schlucke als wollte mir jemand mein Essen klauen.

Die Frauen reden über alte Zeiten. Dann holt Mariechen einen Beutel mit Kartoffeln und einer Mettwurst.

Dankbar schüttelt Mutter die Hand der Bauersfrau, und dann sind wir wieder auf dem Weg nach Hause.

Nach zehn Minuten springe ich vom Rad.

"Mama, mir ist schlecht!" - und dann - plupp - all das Essen auf meiner Hose, meinen Schuhen und im Gebüsch.

Ich setze mich hin und weine.

"Oh, mir ist auch nicht gut!", sagt Mutter - und plupp -

"Oh, die schönen Bratkartoffeln. Waren wohl ein bisschen viele und fett ... "

Aber dann lachen wir doch.

"Was für ein Glück, dass wir noch die Kartoffeln und die Wurst im Beutel haben."

"Mutter", frage ich, "bei wem gehen wir morgen auf Besuch?"

 

"De Häkelhanschen" ("Die Häkelhandschuhe")

... Sie lässt die Hände über den Rand baumeln ...

Gisela Al Amily erzählt von einem Operbesuch mit ihrer Tante und ihrem sicheren Gespür für Mode schon in jungen Jahren.


Hochdeutscher Text

Die Häkelhandschuhe

"Da bist du ja! ... und groß geworden, eine richtige junge Dame!", ruft Tante Luise, als Gesa in Hannover aus dem Zug von Uelzen steigt. Sie ist ein niedliches Mädchen mit lebendigen Augen und einem Plappermaul.

Nach dem Begrüßungskuss schnattert sie los.

"Ich bin nun in der Tanzstunde. Gestern haben wir Walzer gelernt. Lass uns heute Abend Tanzen gehen!"

"Was? Kind, wo soll ich in meinem Alter mit dir tanzen gehen?"

Luise überlegt.

"Weißt du was, morgen gehen wir in die Oper."

"Och … , na, meinetwegen."

Am nächsten Abend ist Gesa eine lange Zeit vor dem Spiegel zugange. Konfirmationskleid, Nylonstrümpfe und schwarze Sandalen. Donauwellen ins Haar von Tante Luises Onduliereisen, Lippenrot etwas stärker als in der Tanzstunde.

"Irgendwas fehlt noch", meint Gesa, "Ja ... Tante Luise, darf ich deine silberne Handtasche nehmen?"

"Ja."

"Und deine Häkelhandschuhe?"

"Meine Häkelhandschuhe? Die sind viel zu groß für dich."

"Macht nichts. Wenn du mir noch den Ring mit den roten Steinen leihst ... "

"Aber der fällt dir vom Finger."

"Nee, denn will ich über den Handschuh ziehen, so wie Prinzessin Marget das immer macht."

Luise beißt sich auf die Lippe, damit sie nicht losprustet.

"Ach so ... , ja, denn ... "

Gesa ist mächtig stolz, als sie mit ihrer Tante im Opernhaus die Treppe zum ersten Rang hoch stapft. Ihre großen Schritte wollen nicht recht zu ihren Handschuhen passen ...

Dann sitzen sie in der vordersten Reihe und Gesa guckt sich im Theater um. Goldene Kronleuchter, rote Plüschlehnstühle und überall elegante Besucher.

Nun fällt ihr der Ring in die Augen, als sie die Arme auf der Brüstung liegen hat.

"Oh, wie der Stein funkelt."

Sie lässt die Hände über den Rand baumeln - für die Leute im Parkett.

Es wird dunkel im Saal, und das Orchester spielt. Vorhang auf. Sänger in bunter Ausstaffierung kommen auf die Bühne. Erst tiriliert eine Frau, dann eine andere, dann tralaren zwei Kerle, dann alle zusammen, und so geht das hin und her.

Gesa weiß nicht so recht, was los ist. Das Singen will kein Ende nehmen. Just, als sie ein bisschen müde wird in ihrem bequemen Sitz, gehen die Lichter an.

Pause

Nun laufen Tante Luise und Gesa im Gang auf und ab, die anderen Zuschauer auch. Manch einer schielt auf ihre Handschuhe und grenzt hinter der Hand.

Der zweite Teil der Oper sagt Gesa mehr zu. Elfen - oder sowas - tanzen und springen über die Bühne, immer auf ihren Zehen. Das will sie zu Hause auch mal probieren mit ihren Turnschuhen ...

Die Zeit geht um mit Singen und Tanzen. Nun kommt das Orchester noch mal tüchtig in Gang, zusammen mit all den Sängern. Dann Ende, Vorhang, Klatschen.

Beim Rausgehen fragt dieser ihre Tante Luise: "Hast du gemerkt, wie die Leute auf meine Handschuhe geguckt haben?!"

"Oh ja, Kind, das habe ich ... "

 

"Op Kriegsfoot mit Koppreken" ("Auf Kriegsfuß mit Kopfrechnen")

... kann ich nichts mehr denken ...

Gisela Al Amily berichtet von ihrem angespannten Verhältnis zum Kopfrechnen.


Hochdeutscher Text

Auf Kriegsfuß mit Kopfrechnen

Mit Kopfrechnen stehe ich auf Kriegsfuß, und das kam so:

Als ich in der zweiten oder dritten Klasse ging, machte unser Kaufmann sich manchmal einen kleinen Spaß mit mir. Wenn ich ein paar Sachen eingekauft hatte, musste ich all die Preise im Kopf zusammenrechnen. Im selben Augenblick konnte ich nichts mehr denken, besonders, wenn andere Kunden dabei waren.

Als ich älter war, mussten wir in der Schule Kettenaufgaben im Kopf rechnen, zum Beispiel: fünf mal sechs durch drei plus achtzehn durch sieben und so weiter ...

Nach der dritten Zahl schmiss ich meist schon das Handtuch.

Am Ende rief der Lehrer: "Ist?", und alle Kinder schrien ihre Ergebnisse in die Klasse: "Fünf!", "Zwei!", "Vier!"

Ich gab auch meinen Tipp ab: "Drei!", "Sechs!" oder so.

Nee, Kopfrechnen war nichts für mich, auch nicht, als ich schon eine junge Dame war.

Einmal wollte ich mir ein bisschen Taschengeld verdienen. Das Arbeitsamt schickte mich zum ersten Ausverkaufstag in ein Warenhaus in meiner Stadt. Handtücher- und Waschlappenabteilung.

In dieser Zeit war beim Ausverkauf noch der Teufel los. Mir war schon schwindelig, als ich die krummen Zahlen der Preise sah: eine Mark dreiundfünfzig, zwei Mark siebenundzwanzig und so.

Meine erste Kundin wollte sechs Handtücher und Waschlappen und zwei Paar Topflappen.

Leise fragte ich eine der Verkäuferinnen: "Wo soll ich das ausrechnen?"

"Im Kopf, und wenn Du das nicht kannst, auf der unteren Seite des Rechnungsblocks."

Der Block war mein Retter.

Den ganzen Tag Kunden über Kunden - und rechnen, rechnen ...

Nachmittags war ich schon ein bisschen duselig.

Dann kam eine Frau vom Hotel. Sie hatte eine lange Wunschliste mitgebracht. Als sie zum Schluss ihre Servietten, Geschirr-, Hand- und Tischtücher zusammen hatte, plagte ich mich mit dem Zusammenrechnen.

Nach einem Augenblick sagte die Frau: "Neunundsechzig fünfundzwanzig."

Ich war baff, kriegte einen roten Kopf und stammelte: "Oh, ja, ja, das, ... das Rechnen will nun nicht mehr so fix gehen - zu viel Kundschaft heute ... "

Sie guckte mich verständnisvoll an. - Und ich dachte: "Schneller geht das sonst auch nicht ... " Ich dankte ihr für ihre Unterstützung und verließ mich vertrauensvoll auf ihr Rechentalent.

Dann endlich Feierabend. Ich war fix und fertig, mein Kopf brummte.

Von diesem Tag an hatte ich großen Respekt vor den Verkäufern, besonders vor denen der Handtücher- und Waschlappenabteilung ...

Aber mit dem Kopfrechnen stehe ich immer noch auf Kriegsfuß.

 

"Dat Parfön" ("Das Parfüm")

... spritze ich einen PATRA-Segen auf seine Jacke ...

Gisela Al Amily erzählt von einem Streich aus Schultagen, bei dem sich alles um Parfüm dreht. Anschließend spricht sie einige abschließende Worte zu den plattdeutschen Geschichten.


Hochdeutscher Text

Das Parfüm

Mit Mathematik stehe ich genauso auf Kriegsfuß wie mit Kopfrechnen. Ich bin mehr für das Kreative. So war das schon in der Schule.

Während meine Kollegen sich mit Dreisatz, Wurzelziehen und Logarithmen plagen, denke ich über Dummes-Zeug-machen nach. In der Pause lasse ich die Mitschüler wissen, was mir zu diesem Thema eingefallen ist, zum Beispiel: Parfüm.

Ich sage: "Wer Parfüm hat, morgen mitbringen!"

Am nächsten Tag: Hermine, Astrid und ich bewaffnet mit kleinen Parfümfläschchen: TOSCA, SOIR DE PARIS und PATRA, das ist meins, habe ich mal auf einer Geburtstagsfeier gewonnen, als Trostpreis bei "Denk fix!" Ein Teufelszeug. Darf ich bei uns zu Hause nicht nehmen ...

Die Fläschchen machen die Runde. Bei PATRA sagt Hermine: "Bäh, penetrant."

"Pah, dein SOIR DE PARIS ist auch nicht besser."

"Was wollen wir mit dem Parfüm machen?", fragt Astrid.

Ich wundere mich, dass jemand so wenig Fantasie haben kann.

"Attacke!", rufe ich, "auf Wolters Jacke!" - Johlen und Applaus.

Studienrat Wolter ist ein kleiner, schmächtiger Kerl, der sich nicht recht durchsetzen kann.

Nach Sport und Deutsch - Mathe. Der Lehrer kommt schnell in Gang mit Aufgaben an die Tafel schreiben, die beste Zeit für meinen Auftritt. Ich melde mich und schnippe mit den Fingern.

"Ja?"

"Darf ich mal nach draußen?"

"Konntest Du das nicht in der Pause erledigen?" Mit seinem Daumen weist er zur Tür.

Beim Rausgehen spritze ich einen PATRA-Segen auf seine Jacke.

Nach 5 Minuten bin ich wieder zurück. Die Klasse grinst.

Hermine muss an die Tafel. Nun wird es echt grässlich, als sie mit ihrem SOIR DE PARIS Wolters Jacke attackiert.

Hier und da hält sich ein Mädchen schon die Nase zu. Mir ist ein bisschen schwindelig. Allein der Lehrer lässt sich nichts anmerken, beklagt sich bloß über die Unruhe in der Klasse.

Zuletzt meldet sich Astrid, ein bisschen weiß im Gesicht.

"Mir ist schlecht."

Sie will nicht kneifen. Eine Hand vorm Mund, mit der anderen TOSCA auf den Lehrerrücken, dann flink zum Waschraum ...

Die fidele Stunde ist schnell rum - viel zu schnell.

Dann Schulterklopfen und Gratulieren von den Mitschülern.

"Was Wolters Frau wohl sagt?" ... Wir kriegen uns nicht ein vor Lachen.

Ich reiße Fenster und Türen auf.

Nächste Stunde: Englisch. Bei Studienrat Track weht ein anderer Wind. Da bin ich immer zahm wie ein Schaf.

Als er in die Klasse kommt, schnüffelt er und guckt uns durchdringend an.

"Fenster und Türen schließen!", schreit er. "Die Seiten 59 und 60 übersetzen. Nach der Stunde bin ich zurück." - Draußen ist er.

Wir sitzen da in der Parfümwolke, halb benommen. Wir schwitzen. Keiner muckt sich bis zum Ende der Stunde.

Der Lehrer kommt zurück, grinst spöttisch und wünscht uns "einen guten Tag." ...

 

"Engel"

Gisela Al Amily erzählt eine etwas längere dramatische Geschichte auf Hochdeutsch. Danach spricht sie einige abschließende Worte und verabschiedet sich.

Mitten in der Nacht auf einer einsamen Landstraße hat das Auto der Erzählerin eine Panne. Weit und breit keine Häuser. Es ist kalt und die Luft ist feucht. Sie stellt das Warndreieck hinter sich auf, will mit einer Wolldecke im Wagen auf den Morgen warten.
Plötzlich nähert sich von vorne ein einzelnes Licht. Ein massiger Mann auf einem Fahrrad wird schemenhaft erkennbar. Sie duckt sich. Als er ohne zu bremsen weiterfährt, ist sie erleichtert. Doch beim Warndreieck bleibt er stehen - und dreht um ...