Ein glücklicher Zufall - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Gisela Al Amily macht, vermutlich 1988, Urlaub in Hindelang (seit 2001 Bad Hindelang) im Allgäu. Am Tag nach der Ankunft macht sie sich auf, die Gegend zu Fuß zu erkunden. Sie folgt einem Weg, der sanft ansteigt. Allmählich wird er immer steiler und schmaler und der Abgrund rückt näher. Für die in solchen Belangen ängstliche Künstlerin der Zeitpunkt umzukehren. - Doch zurück traut sie sich nun auch nicht mehr ...
Ein glücklicher Zufall
Urlaub im Allgäu (1988?).
Am ersten Tag nach meiner Ankunft wollte ich die Gegend erkunden.
Außerhalb von Hindelang, wo ich mein Quartier hatte, folgte ich einem Weg, der sanft bergan führte. Sanft jedenfalls zu Anfang. Nach und nach wurde er schmaler und steiler. Links Felsen, rechts Abgrund. Als ungeübte Bergsteigerin bekam ich Angst. Ich wollte zurück, wagte mich aber nicht vom Fleck. "Wie komme ich hier wieder hinunter?"
Noch mit meinen Überlegungen beschäftigt, hörte ich Stimmen näher kommen, dann bogen vier Wanderer um die Kurve. Sie grüßten mich und ich gestand ihnen meine Furcht. Sie machten mir Mut: "Wir nehmen Sie in die Mitte und passen auf Sie auf." Anfangs ging es besser mit mir, obgleich ich Mühe hatte, Schritt zu halten.
Ich hechelte mit hängender Zunge zwischen meinen Beschützern bergan und der Berg wurde immer steiler und der Abgrund immer tiefer. Ich hielt mich ganz links, entlang der Felsen. Wenn uns nur niemand entgegen kommt! Nach rechts ausweichen?? Das wäre mein Absturz. Niemand kam - dafür aber eine so schmale Wegstrecke, die wir nur mit Hilfe eines Drahtseils seitwärts gehend, Abgrund hinter uns, überwinden konnten. Ich mußte es schaffen! Ich schaffte es.
Dann der Endspurt bis zur Kuppe. Nun auf beiden Seiten Steilhang. Fast kriechend erreichte ich das Ziel: ein Kreuz auf dem höchsten Punkt. Ich setzte mich auf den Boden ohne die grandiose Aussicht wahrzunehmen. Dachte mit Grausen an den Abstieg. Dieser führte auf der anderen Seite des Berges hinab, und zwar ungefährlich. Ich war glücklich, auch über den Zufall, meinen Weggenossen begegnet zu sein. Ohne sie hätte ich niemals einen so hohen Berg erklommen und wäre um ein Abenteuer ärmer gewesen...
6. November 2003


