Dorftanz - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Anja, verabschiedet sich von ihrer Freundin, mit der sie zusammen auf einem Dorftanz ist. Der letzte Zug nach Waldstadt fährt bald ab. Sie eilt durch die feuchtkalte Novembernacht zu dem abgelegenen Bahnhof - doch sie erreicht ihn zu spät. Kein Kleingeld zum Telefonieren. Fröstelnd wartet sie auf den Morgen. Da kommt ein Auto! Ein Mann holt Zigaretten aus dem Automaten. Sie fasst sich ein Herz und bittet ihn um eine Mitfahrt nach Waldstadt. Als er zustimmt, steigt sie zu ihm ein. Nach einer Weile Fahrt hält er plötzlich an - und verschwindet in der Dunkelheit.
Dorftanz
"Ich muß los, in 20 Minuten fährt mein Zug!" rief Anja ihrer Freundin zu. Die tanzte mit ihrem Freund und hatte nur Augen für ihn und Ohren für die Musik.
Anja warf das Geld für ihr Getränk auf die Theke und gab der Bedienung ein Zeichen. Sie riß ihren Mantel vom Garderobenhaken und eilte hinaus. Ein frischer Wind blies ihr ins Gesicht. Sie haßte den November mit seiner feuchten Kälte.
Während sie in Richtung Bahnhof lief, schlang sie sich ihren langen Schal um den Hals. "Nur noch 15 Minuten. Wenn ich den letzten Zug verpasse, muß ich im Freien übernachten." Anja war kein ängstliches Mädchen, aber die restlichen Nachtstunden in dieser Kälte und verlassenen Gegend zu verbringen, trieb sie zu noch größerer Eile an. Sie raffte ihren Rock hoch, um besser ausholen zu können. Ihre leichten Tanzschuhe waren für einen Dauerlauf ungeeignet... Auf dem holprigen Pflaster knickte sie mehrmals um.
Unter einer fahlen Straßenbeleuchtung warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. "Oh, Gott, nur noch 7 Minuten. Kein Mensch und kein Haus weit und breit. Niemals wieder zum Dorftanz", schwor sie sich.
Völlig außer Atem wollte sie kurz verschnaufen, als sie nach einer Kurve das kleine Bahnhofsgebäude im trüben Licht einer Laterne sah. Ihr Ziel vor Augen, startete sie wieder durch. Dann endlich stand sie mit rasselndem Atem am Bahnhofseingang. Die Tür war verschlossen. Sie rannte um das Haus herum. Auch die Hintertür verschlossen. Innen kein Licht. Die Bahnhofsuhr zeigte 0 Uhr 38 - vor 3 Minuten war ihr Zug abgefahren...
Für einen Moment rührte sie sich nicht vom Fleck - völlig außer Atem.
Sie überlegte: "Zurücklaufen ins Dorf?" Sie kannte dort niemanden. Ihre Freunde hatten sicherlich mit ihren Fahrrädern bereits den Heimweg angetreten. Sie schaute auf den Fahrplan. Der nächste Zug fuhr um 5 Uhr. Sie zog sich in eine dunkle Ecke zurück, um sich vor eventuellen Beobachtern zu verstecken. Aber wer sollte sich schon an diesen verlassenen Ort zur nächtlichen Stunde verirren. In ihrer Nähe gewahrte sie eine Telefonzelle. Sie kramte in ihrer Tasche nach Kleingeld. "Verdammt", ihr letztes Kleingeld hatte sie der Klofrau gegeben.
Fröstelnd zog sie ihren Mantel enger. "Wie soll ich die Zeit bis 5 Uhr überstehen?" fragte sie sich verzweifelt. Tränen schossen ihr in die Augen.
Da plötzlich Motorengeräusch. Ein Auto kam näher. Neben dem Gebäude hielt es. Sie drückte sich noch tiefer in die Dunkelheit. Ein Mann mittleren Alters stieg aus. Holte Münzen aus seiner Jackentasche. "Aha, er will Zigaretten aus dem Automaten ziehen." Jetzt mußte sie handeln. Sie stürzte aus ihrem Versteck auf ihn zu. Der Mann erschrak.
"Was machen Sie denn hier um diese Zeit?"
"Zug verpasst. Fahren Sie zufällig nach Waldstadt?"
"Nicht direkt, aber ich kann einen Umweg machen."
Sie stieg in das Fahrzeug und drückte sich an die rechte Tür.
„Was haben Sie denn in diesem Gott verlassenen Nest gemacht?"
"Tanzen".
"Gibt's nichts in Waldstadt?"
"Doch, aber mal ein bißchen Abwechslung..."
"Hm", brummte der Mann.
Schweigsam und konzentriert lenkte er seinen Wagen auf der schmalen Fahrbahn durch die Dunkelheit. Plötzlich fuhr er rechts ran und hielt. Anja stockte das Herz.
"Moment mal", sagte er, stieg aus und verschwand in der Finsternis.
"Was will er tun? Einen Knüppel aus dem Wald holen, um mich zu erschlagen? Von welcher Seite springt er mich an?"
Sie drückte das Verschlussknöpfchen auf ihrer Seite herunter. Sie spürte, wie sich ihre Nackenhaare vor Angst sträubten. "Hier kann er mich umbringen, ohne daß ein Mensch mein Schreien hört."
Der Mann kam wieder ans Auto, stampfte den Schmutz von seinen Schuhen, stieg ein und ließ den Motor an. Anja atmete erleichtert auf ...
Nach einer Weile endlich die ersten Häuser von Waldstadt.
"Leiten Sie mich, ich bringe Sie bis vor die Haustür. Kann doch eine junge Dame nicht mitten in der Nacht irgendwo absetzen."
"Oh, das ist sehr nett. Also: erste Straße links, zweite rechts, bei der dritten Ampel noch einmal rechts - so, hier ist es. Ich bin Ihnen unendlich dankbar."
"Schon in Ordnung. Sie wissen doch: jeden Tag eine gute Tat... Nun schlafen sie schön."
"Danke, danke! Gute Nacht."
12. Oktober 2003


