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Der Einbrecher - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Nachdem sie 2002 von Hamburg nach Berlin-Baumschulenweg gezogen ist, wohnt Gisela Al Amily sieben Monate lang allein in der einzigen bezugsfertigen und bewohnten Wohnung im zweiten Stock eines Hauses, das ansonsten eine Baustelle ist - genau das Richtige für die in solchen Belangen ängstlich veranlagte Künstlerin. Eines Nachts schleicht ein Mann durchs Treppenhaus.
Dieser Text erschien in dem Büchlein "Kiezgeschichten aus Treptow-Köpenick - Dritter Band"


Der Einbrecher

Im Dezember 2002 zog ich von Hamburg nach Berlin-Treptow in die Baumschulenstraße. Ich ahnte nicht, dass ich für sieben Monate die einzige Mieterin sein würde in einem Haus von 1908 mit 13 Wohnungen, die saniert werden sollten. Meine Wohnung war als erste bezugsfertig, alle anderen in einem desolaten Zustand. Genauso das Treppenhaus: bröckelnder Putz, aufgerissene Wände für neue Leitungen, abgetretenes Linoleum auf den Stufen, blinde Fensterscheiben - eine düstere Atmosphäre. Eine der unfertigen Wohnungen nutzten die polnischen Arbeiter als Quartier.

Eines Abends hatte ich Besuch von Freunden. Sie verabschiedeten sich gegen 23:00 Uhr. Ich räumte gerade die Küche auf, als ich leise Schritte im Treppenhaus vernahm, vorbei an meiner Tür und hinauf in die oberste Etage, dann Geräusche in der Wohnung über mir. Wer hatte dort um diese Zeit etwas zu suchen? Es war 23:30 Uhr. Nach einem Augenblick wieder vorsichtige Schritte treppabwärts. Mir schlug das Herz bis zum Halse... Ob ich die Tür öffne und nachschaue? Oder bei den Arbeitern Hilfe hole? Ich wagte mich nicht hinaus. Plötzlich Poltern im Hausflur.

In Panik schleppte ich schwere Gegenstände vor meine Wohnungstür. Wieder hörte ich sachte Schritte nach oben gehen, dazu Rascheln wie mit Plastiktüten. Aha, der Einbrecher hat für den Abtransport seines Diebesguts vorgesorgt...

Gleich stürzt er sich auf meine Tür. Ich hielt den Atem an. Da, wieder Schritte von oben. Als sie auf meiner Höhe waren, schlug ich mit der Faust und dem Mut der Verzweiflung gegen die Wohnungstür, dass sie dröhnte. "Wer schleicht hier durchs Haus?" Der Schleicher machte einen Satz und sauste die Treppe hinunter. Eine Tür flog ins Schloss. Ich lauschte. Stille. Nichts rührte sich mehr. Langsam beruhigte sich mein Herz. Gegen ein Uhr schlief ich erschöpft ein.

Am nächsten Morgen stieg ich hinunter zu den Handwerkern, die bereits bei der Arbeit waren. "Ich glaube, heute Nacht war ein Einbrecher im Haus", sagte ich besorgt. "Oh nein, entschuldigen Sie bitte, das war ich." Marek, ein netter junger Mann, lächelte mich schuldbewusst an. "Ich wollte Sie nicht stören, deshalb bin ich leise gegangen. Wollte die Fenster abdichten, wegen Regen."

Nun lachten wir beide. Ich war froh und erleichtert, dass er der "Einbrecher" war. Am nächsten Tag ließ ich mir ein Sicherheitsschloss in die Wohnungstür einbauen…

 

 

29.9.2003