Grenzüberschreitung - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Die Mauer ist gefallen. In ganz Deutschland herrscht freudige Spannung über die unglaublichen Ereignisse der letzten Wochen. Da hört Gisela Al Amily am zweiten Weihnachtstag 1989 morgens im Radio, dass nun auch Westbürger frei in die DDR einreisen dürfen. Sofort mobilisert sie ihren Mann und jüngeren Sohn, und kurz darauf sind sie im Auto unterwegs von Hamburg nach Wismar in Ostdeutschland. - Es wird eine emotional tief bewegende Fahrt.
Dieser Text 2009 erschien in dem Buch "Zu Wahrheiten vereint - Eine Begegnung von 31 Autoren aus Ost & West"
Grenzüberschreitung
Das Wunder geschah, das Wunder, an das niemand geglaubt hatte: Am 9. November 1989 wurde die Mauer für die Menschen in der DDR durchlässig.
Wie kam es dazu?
Die Wirtschaftslage war desolat, die Bevölkerung zunehmend verbittert. Im Mai 1989 wurde der Grenzzaun zwischen Ungarn und Österreich abgebaut.
So gelang es Tausenden DDR-Bürgern in den Westen zu fliehen. Sie flüchteten sich auch in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin und in die BRD-Botschaft in Prag. Jeweils mehr als hundert Menschen hielten sich dort auf. Auch innenpolitisch wankte das DDR-Regime, nachdem Bürgerrechtsgruppen schon im Mai beim Ergebnis der Kommunalwahlen (98,5 % für die SED) Fälschung nachgewiesen hatten.
Der Druck der Opposition wurde immer stärker, unterstützt vom russischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow. Ab September 89 kamen Tausende zu den Montagsdemonstrationen unter dem Motto "Wir sind das Volk" in Leipzig und anderswo zusammen und forderten Freiheit und Demokratie. Am 18. Oktober trat Erich Honecker zurück. Sein Nachfolger: Erich Krenz. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Gorbatschows Ausspruch sollte sich bewahrheiten. Am 4. November demonstrierten bereits hunderttausende DDR-Bürger für demokratische Reformen und das Ende der SED-Herrschaft.
Am 9. November 1989 gab Politbüromitglied Günter Schabowski im DDR-Fernsehen die Reisefreiheit bekannt. An diesem historischen Tag öffnete sich die Mauer. In Berlin kündigte sich mit dem größten Volksfest, was es hier je gegeben hatte, die Wiedervereinigung Deutschlands an (3. Oktober 1990).
Die Menschen waren überwältigt, lagen sich euphorisch in den Armen und weinten vor Glück. Sie waren in einem Freudentaumel. In Scharen strömten sie in den Westen per Auto oder per Pedes. Endlich konnten Verwandte und Freunde zusammenkommen, die sich seit dem Mauerbau am 13. August 1961 nicht mehr gesehen hatten.
Überall, besonders aber in grenznahen Orten, tauchten Trabis auf. Die sonst so strafzettelgierige Polizei drückte beide Augen zu bei "Wildparkern" aus der DDR. Eine Welle von Hilfsbereitschaft setzte ein: KARSTADT in Lübeck z. B. servierte ostdeutschen Grenzgängern ein Willkommen-Gratisfrühstück, Westdeutsche schenkten aus Thermoskannen Kaffee oder Tee an Ostbesucher aus, die im Stau standen. Von der Bundesregierung bekam jeder DDR-Bürger 100, - DM Begrüßungsgeld. Es herrschte freudige Spannung im ganzen Land.
Dann kam Weihnachten. Am 2. Feiertag gegen 11 Uhr vernahm ich zufällig am Radio, dass nun auch Westdeutsche in den Osten kommen dürften. Aufgeregt verkündete ich meinem Mann und Sohn Faris die frohe Botschaft. Auf der Landkarte suchten wir unser Ziel aus: WISMAR. Und schon waren wir unterwegs, ich völlig aus dem Häuschen vor Freude und Begeisterung. DDR-Erfahrungen hatte ich fast keine, nur eine Übernachtung im Hotel "JOHANNISHOF" 1968 beim Zwischenstopp Bagdad-Frankfurt/M. und 1989 im Frühjahr während eines Kurzbesuchs bei Freunden in der Scheiblerstraße in Treptow, nicht ahnend, dass ich 13 Jahre später meinen Wohnsitz hierher verlegen würde. Je näher wir dem Grenzübergang Schlutup bei Lübeck kamen, je dichter der Verkehr in beide Richtungen. Die Grenzanlagen hatten ihren Schrecken verloren, dennoch wirkten sie sehr bedrohlich. Volkspolizisten warfen einen kurzen Blick auf unsere Ausweise, dann durften wir passieren.
Wir waren in der DDR! Für mich ein unbeschreiblich bewegender Moment. Während wir mit anderen Fahrzeugen eine Kolonne nach Osten bildeten, schob sich auf der Gegenfahrbahn eine nach Westen. Begeistert grüßten die Fahrer ihr Gegenüber per Hupe und Lichthupe. Mitfahrer winkten, schwenkten Fähnchen und Tücher. Auch ich ließ meinen langen Schal aus dem Wagenfenster flattern. Fuhren wir durch Dörfer, säumten Erwachsene und Kinder jubelnd die Fahrbahn und verteilten Bonbons an die vorüberfahrenden "Wessis". Während der ganzen Fahrt rannen mir Freudentränen über die Wangen.
Als wir unser Auto in Wismar abgestellt hatten, streiften wir durch die Straßen der Innenstadt. Nur wenige Häuser waren in einem guten Zustand. Die meisten wirkten grau und marode, die Auslagen in den Geschäften kümmerlich. Verbeulte, rostige Mülltonnen vor den Häusern verstärkten den tristen Anblick. Ein eigenartiger Geruch durch Trabi-Abgase und Braunkohleverbrennung lag in der Luft. Über Straßen waren Transparente gespannt mit Aufschriften wie "Wir begrüßen die Bürger der BRD. Herzlich Willkommen" und ähnliche.
Schnell kamen wir mit wildfremden Menschen ins Gespräch. Ein Dr. Tiedt drückte uns seine Visitenkarte in die Hand.
Die vielen Eindrücke hatten uns hungrig gemacht. Ein Restaurant zu finden war aber nicht einfach. Hatten wir endlich eines entdeckt, war es überfüllt und auch davor wartete eine Menschenschlange. Schließlich aber saßen wir doch zu Tisch, nämlich im "DER ALTE SCHWEDE" am Marktplatz, ein hübsches Lokal, wahrscheinlich das beste in der Stadt. Das Essen - "Kapitänsplatte" - war gut und für uns spottbillig.
Es wurde schon dunkel, als wir uns auf den Heimweg begaben. In manch erleuchtetem Fenster machten wir noch winkende Hände aus.
Müde und von all dem Erlebten bewegt, kehrten wir zurück nach Hamburg. Wir waren Zeugen des Beginns einer neuen Epoche geworden! ...
Seither sind fünfzehn Jahre vergangen. Meine Begeisterung über die Wiedervereinigung ist ungebrochen.
2002 bin ich nach Ost-Berlin gezogen. Ich habe viele sympathische Menschen kennen gelernt, neue Freunde gewonnen und höre mit großem Interesse die Geschichten aus ihrem Leben zu DDR-Zeiten.
Ost-Berlin ist mir Heimat geworden - ich bin ein W-OSSI! ...
Juni 2003


