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Die Straße meiner Kindheit - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Die Künstlerin erzählt von ihren Erinnerungen an die Straße, in der sie ihre Kindheit verlebte, und an ihre Wohnung darin, in der sie auch geboren wurde. Sie beschreibt die Umgebung, nennt Spiele, die sie gespielt hat und schreibt von der Zeit beim Kampf um Uelzen sowie der Nachkriegszeit.


Die Straße meiner Kindheit

Ich wurde in der Horst-Wessel-Str. 8 in Uelzen geboren, in einem 2-Familien-Haus. Wir hatten eine schöne 4-Zimmer-Wohnung im ersten Stock mit großer Küche, Bad und Balkon. Ich lebte dort bis zu meinem 21-sten Lebensjahr.

Im Erdgeschoß wohnte u. betrieb unsere Hauswirtsfamilie MEINE einen Kolonialwaren-Laden. Dieser war, sozusagen, das Herz unserer Straße. Vor dem Laden gab es einen kleinen Platz, auf dem wir gerne spielten. Tobten wir mit dem Ball herum, kam Frau Meine aus der Tür geschossen u. verjagte uns. Am Anfang unserer Straße waren einige Gärten. Einer davon war unserer, direkt neben unserem Haus.

Unsere Straße lag tiefer als die Parallelstraße und war durch eine abschüssige Gartenanlage von ihr getrennt, aber durch eine Treppe verbunden, auf der ich auf kürzestem Wege zu meiner Freundin Silvia gelangte.

Neben unserem roten Backsteinhaus 3 Doppelhäuser in weiß mit vor- u. Hintergärten, dann beige- u. olivgrüne 4-Familien-Häuser eines Bauvereins, die um einen Platz mit Brunnen herumstanden.

Das Aussehen meiner Straße war mir unwichtig, allein die Funktionen zählten.

Unser Garten war Hauptspielstätte meiner Kindheit. Ob in der Sandkiste, in der Schaukel mit den Nachbarkindern Henning u. Dieter, Silvia und Gertrud - der Garten war ein Ort voller Zauber. Hier entwickelten wir Fantasien: mal war er Hänsel-und-Gretel-Wald, mal eine Zirkusarena oder Jahrmarkt u. Schließlich der Platz für meine kleine Hütte, die wir aus alten Türen zusammenbastelten.

Auf der Straße spielten wir Tonnreifen, Kibbel-Kabbel, Murmeln, Springtauhüpfen oder Hinkelkasten u. alle möglichen Ballspiele. Brummkreiseln wäre meine Leidenschaft geworden, hätte ich es nur einmal geschafft, den Kreisel zum Tanzen zu bringen ...

Dafür aber Verstecken spielen, besonders wenn es schon schummrig wurde, dass erhöhte die Spannung. Mucksmäuschenstill verharrten wir in unseren Verstecken, wenn der "Abgucker" rief: hinter mir u. vorder mir gibt es nicht, eins, zwei, drei, ich komme!"

Bekam unser Kaufmann Ware, beobachtete ich, wie Fässer u. Säcke entladen wurden. Lieferte der Bäcker Brot mit Pferd u. Wagen, wagte ich, das samtweiche Pferdemaul zu streicheln, ja sogar unter dem Bauch des Gauls hindurchzukrabbeln. Ja, damals war ich noch mutig ...

Als der Krieg eskalierte u. im April 1945 meine Stadt 5 Tage umkämpft wurde, hatte sich auch meine Straße in ein gefährliches Pflaster verwandelt. In Nachbarhäuser u. Gärten schlugen Granaten ein, bei uns Splitter. Der Luftdruck ließ Fensterscheiben bersten u. Ziegel von den Dächern rutschen. Um alle Häuser hatten sich Krägen von Schutt und Scherben gelegt. Als die Kämpfe beendet waren, rollten Panzer durch unsere Straße u. Gärten, die Drahtzäune hinter sich herschleifend.

Als der Krieg zu Ende war, wurde unsere Straße in "Friedrich-Ebert-Straße" umbenannt. Essen wurde knapp. Ich musste bei der Gartenarbeit helfen: Unkraut jäten, Raupen sammeln. Beides haßte ich, aber unser Garten war zum wichtigen Nahrungsspender geworden, u. der wollte gepflegt werden.

Als ich heranwuchs, war meine Straße für mich nur noch Wohnstätte. Nun ging ich mit Freundinnen in die Stadt, auf den sogenannten "Bummel" - sehen u. gesehen werden war alles.

Mit 21 verließ ich mein Elternhaus. Mutter u. Vater zogen in eine andere Straße, in ihr eigenes Haus.

Ich habe im Laufe meines Lebens in vielen Straßen anderer Städte gewohnt, aber die Straße meiner Kindheit hat die meisten Erinnerungen hinterlassen.

 

 

April 2003