Die Alten - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Gisela Al Amily war jahrelang Mitglied einer Schreibwerkstatt. Bei einem Text lautete die Aufgabe, zum Thema "Werte" einen Dialog zwischen dem ältesten und dem wertvollsten Einrichtungsstück/teil zu schreiben.
Sie schrieb diese fiktive Unterhaltung zwischen einem von ihrem Großvater ca. 1875 als Meisterstück gefertigten Sekretär und einer Bibel von 1849. Darin erzählt sie auf humorvolle und berührende Weise die teils turbulente Geschichte der beiden Stücke und offenbart darüber hinaus einige eigene Charakterzüge.
Die Alten
"Hallo, Herr Sekretär, können Sie mich hören? Hier spricht Frau Bibel. Meine Stimme ist ein wenig brüchig. Naja, mit 155 lädt man schon ein wenig nach. Sie sind aber auch nicht mehr der Jüngste. Gehen doch auch schon auf die 130?"
"Machen Sie mich nicht älter, als ich bin. Ich habe erst 120 Jahre auf dem Buckel."
"Na, dann entschuldigen Sie bitte.
Was ich sagen wollte: seit 30 Jahren leben wir in enger Nachbarschaft und sind doch nie richtig ins Gespräch gekommen, obgleich ich immer den Wunsch hatte. Habe mich einfach nicht getraut. Bin ja nur so'n kleines, einfaches Ding im Gegensatz zu Ihrer eleganten Erscheinung. Nun bin ich schon so alt und habe mir einfach ein Herz gefaßt. Ich möchte gerne mal von Ihnen wissen, wie Sie zu Gisela gekommen sind. Ich selber mußte vorher einige Male umziehen. Zuerst war ich bei Giselas Urgroßmutter, als sie starb, kam ich zu ihren Großeltern Doris und Wilhelm, dann zu ihren Eltern. Als sie nicht mehr waren zu Gisela.
"Ich", sagte der Sekretär und nahm Haltung an, bin die Schöpfung eines Meisters, Giselas Großvater Adolf, väterlicherseits. Ich bin sein Meisterstück: Korpus Kirsche, Schubladen Esche, Intarsien. Gisela war meine Retterin, aber das ist eine längere Geschichte."
"Naja, im gewissen Sinne ist sie auch meine Retterin. Weil ich schon ein bißchen klapperig bin, vor allem mein Rücken, schont sie mich. Stellt mich höchstens mal Besuchern vor. Die staunen immer, finden Altsein offenbar gut. Sollen erstmal in mein Alter kommen, dann wissen sie, was das bedeutet."
"Also ich stehe noch mitten im Leben", sagte der Sekretär. Klappe auf, Klappe zu. Was Gisela alles in mich hineinstopft! Aber sie pflegt mich. Wenn Besuch kommt, vorher schnell mal mit dem Staublappen drüber und dann sollten sie die Bewunderungsarien hören: "Was für ein edles Stück, unbezahlbar. Das war noch Wertarbeit usw."
"Mit Bewunderung kann ich nicht gerade aufwarten, höchstens wegen meines Alters und dass Tür und Tor bei mir noch mit Th geschrieben wurde. Aber das sind alles Äußerlichkeiten. Auf den Inhalt kommt es an. Da habe ich nun wirklich viel zu bieten."
"Glauben Sie, ich etwa nicht?! Jede Schublade Rand voll."
"Ach, ich meine den geistigen Inhalt. Wieviel Trost und Lebenshilfe habe ich schon gegeben! Giselas Urgroßmutter hat jeden Abend vorm Schlafengehen ein Kapitel gelesen. Opa Wilhelm konnte die Bergpredigt auswendig, so gut kannte er sie. Also, den Vorfahren habe ich viel bedeutet. Für Gisela ist es mein Alter und meine schnörkelige Schrift, die ihr gefallen."
"Als ich jung war", erzählte der Sekretär, "war ich nur nützlich. Ich trug die Sparkassenbücher, Briefpapier, Tinte und viele wichtige Dokumente. Heute bin ich beides: nützlich und repräsentativ. Ohne Gisela wäre ich weder das eine noch das andere, ich wäre vielleicht gar nicht mehr."
Was war passiert? Bitte, erzählen Sie!" bat Frau Bibel.
"Als mein Meister mit 73 starb, lebte ich noch 12 Jahre mit seiner Frau. Ich fühlte mich bei ihr eingeengt. Der Raum war zu klein und die Decke zu niedrig.
Aber es kam schlimmer. Als die Frau starb, kam ich zu Giselas Eltern - in eine Bodenkammer ohne Heizung und Frischluft. Ich begann zu kränkeln. Wurmleiden. Manchmal spielte Gisela in der Bodenkammer. Sie war ein wildes Kind. Wieviele Stöße und Schrammen hat sie mir versetzt, einige meiner Verzierungen gingen verloren. Über 20 Jahre in dieser Kammer.
Als Giselas Eltern umzogen, wurde mein Leben zur Qual. Stellen Sie sich vor, ich landete in einem Schuppen, Hitze, Feuchtigkeit und Kälte ausgesetzt. Ich fiel in tiefe Depression. Gisela war längst erwachsen. Sie lebte in Norddeutschland.
Eines Tages kam sie auf Besuch und wissen Sie, was sie zu ihren Eltern sagte: 'Schämt Ihr Euch nicht, Großvaters Meisterstück verkommen zu lassen?' Ja, sie sagte wörtlich 'schämt Ihr Euch nicht'. Und tatsächlich, sie schämten sich. Sie schickten mich zur Kur, wo ich von meinem Wurmleiden geheilt und wieder richtig aufgemöbelt wurde. Als ich mich danach im Spiegel sah, hätte ich mich fast nicht wieder erkannt, so frisch und gesund sah ich aus.
Und was soll ich Ihnen sagen: die Eltern freuten sich auch über mich und ich durfte mit zu Gisela, weil sie Platz für mich hatte. Sie war glücklich, ich war glücklich.
Sie hat nur einen Fehler, sie muß immer Möbel rücken. Was hat sie mich schon durch die Wohnung geschoben - und ich bin massiv. Dasselbe Spiel immer, wenn sie mal wieder umgezogen ist.Anm.1 Was glauben Sie, wie mir das in die Beine geht. Zweimal mußte ich deshalb operiert werden. Hier in Berlin wird sie mich nun wohl in Ruhe lassen, weil sonst ihr Fußboden Kratzer kriegt."
"Da haben Sie schon viel durchgemacht", sagte Frau Bibel mitleidig. "Sie haben aber das Glück, sehr bewundert zu werden. Ich führe eher ein ruhiges Leben. Liege oder stehe irgendwo herum, aber niemand behandelt mich schlecht, wagen sie nicht wegen meines Inhalts, vor dem haben sie Respekt."
Eine Weile hingen die beiden ihren Gedanken nach, dann begann Frau Bibel aufs Neue: "Wissen Sie, Herr Sekretär, eigentlich können wir zufrieden sein. Ich bin für das Geistliche, sie für das Körperliche, beide haben wir treu gedient und von Gisela Anerkennung und Zuneigung erfahren. Dass Sie der Wertvollere sind - was das Materielle anbetrifft - das gebe ich neidlos zu. Ihre Größe, Ihre Eleganz, das kostbare Material - und alles Handarbeit... Insgeheim habe ich Sie immer bewundert."
"Danke, ich finde Sie auch irgendwie interessant. Gelegentlich können wir uns über Giselas Vorfahren unterhalten. Für heute wünsche ich Ihnen eine gute Nacht."
29. April 2003
Anm.1 Dies ist tatsächlich keine Übertreibung. Wenn ihre Familie nach der Arbeit bzw. Schule nach Hause kam, fanden sie diverse Male die Anordnung der Möbel in manchen Zimmern völlig verändert vor - bis die Malerin die optimale Anordnung gefunden hatte. Es war erstaunlich, wie diese nur ca. 1,60 m große, nicht sonderlich kräftig erscheinende Frau die teilweise schweren Möbelstücke allein quer durch die Zimmer bewegte.
Hier kommen zwei ausgeprägte Charakterzüge der Künstlerin zum Ausdruck: ein starker Wille und eine große Tatkraft. Wenn sie etwas erreichen wollte, fackelte sie nicht lange, sondern machte sich sofort mit Eifer an die Umsetzung. In ihrer Küche hing ein kleiner Zettel mit der Aufschrift: "Der Wert liegt in der Tat".


