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Jahrmarkt - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Die Künstlerin schreibt über ihre Freude am Besuch von Jahrmärkten, nachdem die Jahre des Krieges und der Entbehrungen vorbei sind. Der Text entstand im Rahmen einer Schreibwerkstatt als erste Geschichte zum Thema "Der letzte Satz ... ist der Anfang einer neuen Geschichte", bei dem jeweils ein anderer Teilnehmer den letzen Satz seines Vorgängers als Anfangssatz seiner Geschichte nahm.


Jahrmarkt

Auf den Jahrmarkt zu gehen, war für mich als Fünfzehn-Sechzehnjährige ein großes Vergnügen.

Krieg und Hungerperiode waren vorüber. Nun gab es ein buntes Angebot von Nasch- und Schießbuden, Karussells und Attraktionszelten. Letztere hatten es mir besonders angetan.

Ich erinnere mich an einen Schausteller, der eine große Taschenuhr schluckte. Er winkte einen Zuschauer heran und bedeutete ihm, sein Ohr an seinen Magen zu legen.

"Jawohl", bestätigte der Horcher, "ich vernehme deutliches Ticken." Daraufhin ließ der Künstler einen triumphierenden Blick über das Publikum schweifen, würgte unter größter Anstrengung und mit puterrotem Kopf die Uhr wieder heraus. Ich war fasziniert.

Mulmig wurde mir, als er einen Säbel in seinen Schlund schob - Zentimeter für Zentimeter. Ich atmete auf und applaudierte bewundernd, als er die Klinge unblutig herauszog.

An den Losbuden ging ich achtlos vorüber, die kitschigen Gewinne lockten mich nicht, aber das Riesenrad! Zwar hatte ich Angst, wenn meine Gondel auf dem höchsten Punkt einen Moment verweilte - besonders wenn ein mitfahrender, verwegener Jüngling sie zum Schaukeln brachte - doch der Nervenkitzel war zu schön.

Einmal wagte ich mich in die Hexenschaukel - nie wieder! Bei ihren schnellen Vor- und Rückwärtsbewegungen drehte sich mir der Magen um. Mir wurde so schwindelig, dass ich mich den ganzen Tag nicht erholte.

Als die Autoskooter aufkamen, waren sie der Ort zum Flirten und Anbändeln. Die Jungs taten sich mit ihren Fahrkünsten hervor und rammten absichtlich die Wagen der Mädchen. Auf diese Weise machte sich Gerdi Duncker bei mir bemerkbar. Schließlich fragte er: "Magst du mal mit mir fahren? Du darfst auch steuern." Das war ein Angebot! Später schoss er mir eine rote Papierrose und kaufte mir einen Liebesapfel. - Ob das etwas zu bedeuten hatte?

Als ich älter wurde, interessierten mich auf dem Jahrmarkt weder die Karussells noch die Vorführungen.

Mich interessierten nur noch die Jungs, die nach uns Mädchen schielten.

 

 

29.03.2001