Ulla - Brief an eine Verstorbene - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Vermutlich im Rahmen einer Schreibwerkstatt schreibt Gisela Al Amily in einer Art Brief an eine verstorbene Freundin ihre Gedanken zu einer Anzeige in einer norddeutschen Tageszeitung auf, die eine Frau 1999 vermutlich anlässlich des Todes einer anderen Frau aufgegeben hat.
Ulla - Brief an eine Verstorbene
Meine Auslegung u. Gedanken zu dieser Anzeige
Liebe Ulla,
meine Zeilen erreichen Dich nicht mehr - dennoch schreibe ich nieder, was Du mir in meinem Leben bedeutet hast.
Als ich Dich vor 10 Jahren das erste Mal in der Kur traf, fielst Du mir sofort unter den vielen Patienten auf: Dein offener Blick, Dein warmes Lächeln. Ich wollte Dich unbedingt näher kennenlernen. Es fügte sich, dass unsere Zimmer beieinanderlagen. Das gab uns Gelegenheit, in der Freizeit viel miteinander zu reden.
Bald wurden wir so vertraut, daß wir uns unsere Sorgen u. Probleme anvertrauten.
"Über was redet ihr bloß immer?" fragten lachend u. Kopfschüttelnd die Herren unserer Station. Sie hatten sich nicht viel zu sagen. Politik, Sport, Geld u. Autos waren schnell abgehandelt. Gefühle u. Befindlichkeiten behielt jeder für sich. Zähne zusammenbeißen, keine Schwäche zeigen, war ihre Devise.
Ach, könnten die Männer einander sich öffnen, wie viel leichter wäre ihr Leben ...!
Wie wohl fühlte ich mich mit Dir.
Wir teilten Freude u. Leid. Unsere Seelen wurden frei. Wir fanden Geborgenheit im anderen.
Du bist nun für immer gegangen, aber in meinem Herzen lebst Du weiter.
Dem Schicksal danke ich für unsere Begegnung. Sie war kein Zufall...
Gisela Al Amily, 16. XI. 2000


