Gedanken zu meinem Bild "CAROLINE" - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Ein Art "Brief" der Malerin an das fiktive Mädchen, das auf dem Gemälde "Caroline" abgebildet ist. Darin beschreibt sie den Schaffensprozess und welche Gedanken ihr dabei kamen.
Der Text zeigt exemplarisch, dass Malen für Gisela Al Amily keineswegs immer eine entspannte Beschäftigung war, sondern oft ein langwieriger, anstrengender Prozess bei voller Konzentration - ein "Kampf" wie sie selbst es nannte - der jedoch zu großer Zufriedenheit und Stolz führte, wenn ein Bild gelungen war. Er zeigt auch beispielhaft, wie die Künstlerin eine emotionale Beziehung zu den von ihr auf Leinwand oder Papier geschaffenen Menschen entwickelte. Der Text entstand am 3. November 2000.
Gedanken zu meinem Bild "CAROLINE"
Liebe Caroline, obwohl es dich nicht wirklich gibt, habe ich dich doch liebgewonnen und das kam so:
als kleine Zeichnung fing ich dich in meinem Skizzenbuch ein, beim Beobachten spielender Kinder. Ich war im Urlaub in Südfrankreich und hatte Zeit - viel Zeit für die Herausforderung, ein kleines Mädchen zu malen, großformatig, in Oel.
Am nächsten Tag ging ich an die Arbeit. Ich gab dir rotblonde Haare und braune Kulleraugen. Als ich dich kritisch betrachtete, bemerkte ich, daß dein Kopf zu groß geraten war und dunkle Augen zu rötlichen Haaren erschienen mir unnatürlich, also bekamst du braune und ein schmaleres Gesicht. Oh, jetzt sahst du aus, wie eine zu kurz geratene Erwachsene; auch hatten deine Augen nicht die gleiche Blickrichtung, ach, und deine Arme... Nein, nein, nichts war stimmig. Ich wischte dich vom Papier und begann von neuem.
Der zweite Anlauf ließ hoffen.
Aber nun: deine Nase zu lang, die Augenbrauen zu hoch und die Hände zu klein.
Ich war entschlossen, mich nicht von dir unterkriegen zu lassen. Meine Geduld war endlos.
Du wurdest ein nordisches Kind. Dein trotziges Mündchen gefiel mir, aber die Glanzpunkte in deinen Augen... ein bißchen mehr nach rechts? - falsch! Etwas größer? Nun schieltest du.
Nach acht Malstunden verspürte ich erstmals Erschöpfung, aber ich ließ nicht locker. Nach einem Gläschen Wein gab ich dir den letzten Schliff. Dabei vergingen zwei Stunden...
Danach ging ich zufrieden ins Bett.
Am anderen Morgen war deine Farbe getrocknet und ich steckte dich in einen Bilderrahmen. Voller Stolz und Entzücken betrachtete ich dich. Nur - dein Haar war mir noch zu ordentlich und die Wangen zu rot.
Ich gestehe - aber es braucht sonst niemand zu wissen - ich nahm dich noch mehrmals aus dem Rahmen, bis du wurdest, wie du jetzt bist, ein niedliches vierjähriges Mädchen.
Mit der Skizze hast du natürlich überhaupt keine Ähnlichkeit mehr. Du bist meine ERFINDUNG, mein Werk, ich habe um dich gekämpft und deshalb habe ich dich so lieb.
Sind deine Beine nicht etwas zu dünn geraten ??...
3. November 2000


