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Dieter - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Gisela Al Amily erzählt von ihrer ersten Liebe. Er ist blond und blauäugig, und er singt gerne. Für sie ist es Liebe auf den ersten Blick. Zusammen verbringen sie stets eine schöne Zeit, und sie beschließen zu heiraten. Doch es kommt anders ... - Eine heitere und gleichzeitig etwas traurige Geschichte aus dem Leben der Malerin, aufgeschrieben im August 2000.


Dieter

Er war mein Nachbar, blond und blauäugig und meine Liebe auf den ersten Blick. Seine Beine waren etwas zu dünn im Gegensatz zu seinen großen Füßen, die nach innen gingen, weshalb meine älteren Geschwister über ihn witzelten: "Warum spielt er nicht in einer Musikkapelle mit seinen Trommelstöckern?" So nannten sie seine Beine. - Egal, ich stand zu Dieter.

Wir trafen uns täglich und hatten eine wunderbare Zeit miteinander. Wir waren ein Herz und eine Seele.

Dieter sang gerne - und falsch.
Wenn Soldaten singend durch unsere Straße marschierten, schob er seinen Arm unter meinen und zog mit mir hinterher. Das war mir allerdings ein bißchen peinlich, besonders wenn Dieter lauthals mitsang, wobei sein "Piepenloch" sichtbar wurde. - Wenn bloß meine Geschwister uns hier nicht sehen - dachte ich - sonst lachen sie wieder über uns.

Gerne saß ich mit meinem Freund in der Fliederlaube unserer Nachbarn. Dort erzählten wir uns selbsterdachte Geschichten und malten uns die Zukunft aus. Bei so einer Gelegenheit beschlossen wir zu heiraten. - Nicht sofort, da gab es erst noch einiges zu bewältigen: den Umzug mit seinen Eltern ein paar Straßen weiter und dann - seine Einschulung...

Er war sechs und ich war fünf.

Zwischen uns werde sich nichts ändern, versprach Dieter, aber es kam anders. Kaum war er ein paar Wochen in der Schule, ließ er sich in meiner Straße nicht mehr blicken und wenn ich ihn besuchte, versteckte er mich vor seinen Freunden. Bei jeder Gelegenheit betonte er: "Du kannst ja noch nicht schreiben und lesen." "Nö, lesen nicht, aber schreiben: MAMA, PAPA, OMA." Das schien ihm nicht zu genügen. Dieter wollte nichts mehr von mir wissen. Das wurde mir klar, als ich ihm eines Tages auf der Straße begegnete. Gerade als ich auf ihn zusteuern wollte, schaute er weg.

Von da an haben wir uns nicht mehr gegrüßt.

Später ist Dieter in eine andere Stadt gezogen und ich habe ihn nie wieder gesehen.

 

 

August 2000