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Die Küche meiner Kindheit - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

In einem Text für ihre Schreibwerkstatt schreibt Malerin Gisela Al Amily zum übergeordneten Thema "Die Küche meiner Kindheit" über ihre Erinnerungen an diesen Ort. Unter anderem schildert sie darin, wie ihre Familie gegen Ende des Krieges nur sehr knapp einem großen Unglück entging.


Die Küche meiner Kindheit - Sirup zu flüssig und mäßig im Geschmack

In der Erinnerung erscheint mir die Küche meiner Kindheit sehr groß, besonders im Vergleich zu meiner jetzigen.

Durch Fenster und Balkontür mit viel Glas war der Raum hell und freundlich. Neben der Küchentür links, gegenüber den Fenstern, stand das über zwei Meter breite weiße Schleiflack-Bufett mit vielen Schubladen, Fächern, dicken Glasschiebetüren und -schütten. Ein elegantes, damals sehr modernes Möbelstück und der Stolz meiner Mutter.

An der Längsseite, gegenüber der Tür, der Esstisch, der von der Wand abgerückt wurde, wenn meine Eltern, mein Bruder, meine Schwester und ich zusammen aßen. Mein Platz war hinter dem Tisch, der übrigens etliche Funktionen hatte. Zogen wir eine Art Schublade mit Beinen unter der Platte hervor, wurde er zum Spültisch. Zwei eingebaute quadratische Emailschüsseln dienten dem Abwasch. In die rechte gossen wir heißes Wasser und Imi [↗] oder Soda, scharfe Reinigungsmittel, die Hausfrauenhände rot und rau machten, in die linke Wasser zum Klarspülen. Ich war meistens für das Abtrocknen zuständig. Um mich zu drücken, hielt ich mich oft möglichst lange auf der Toilette auf. Hatten wir Geschwister gemeinsam Küchendienst, sangen wir dabei Volkslieder, zweistimmig, dann ging die Arbeit flink voran.

Auf unserem Küchentisch wurde Kuchen gerührt, Wäsche gebügelt, wurden Schulaufgaben gemacht und Laubsägearbeiten gefertigt. Auf ihm standen unsere kärglichen Nachkriegsmahlzeiten: die ungesüßte Maismehlsuppe, mit künstlichen Aromen "verfeinert", das krümelige Maisbrot mit dünn aufgekratzter Leberwurst, die mehr nach Mehl als nach Leber schmeckte, oder Graupensuppe. Die gab es häufig. Sie bestand aus Brühe von Knochen, die so lange ausgekocht wurden, bis sie weiß waren und kein Fettauge mehr abgaben. Die Graupen wurden zusammen mit gefrorenen Kartoffeln und Karotten gegart, die dem Essen einen widerlich-süßen Geschmack und Geruch gaben. Ich verabscheute es, aber ich aß, was auf den Teller kam, wir hatten nichts anderes. Graupen habe ich seit damals nie wieder gegessen...

Neben dem Essplatz ging es in die lange, schmale Speisekammer. Sie hatte ein Fenster, aus dem wir den Schlüssel warfen, wenn eines von uns Kindern ins Haus wollte, damit wir nicht ständig zum Türöffnen treppab-treppauf laufen mussten, denn wir wohnten im ersten Stock.

In der Speisekammer waren Regale mit Kochtöpfen, Emailschalen und Putzzeug. Ein Fach, mit einer Fliegendrahtklappe, für Nahrungsmittel.

Wenn meine Mutter zu Weihnachten, als es noch die Zutaten gab, beim Bäcker große Bleche mit Butter- und Apfelkuchen backen ließ, bewahrte sie diese in der Kammer auf einem Tisch unter einem Leinentuch auf. Der Duft war so verführerisch, dass ich mir öfter heimlich ein Stückchen genehmigte.

Rechts von der Küchentür waren der Gasherd, daneben der Etagenheizofen, dann der kleine gusseiserne Kohleherd und der weißemallierte Ausguss.

In der Ecke zwischen Ausguss und Fenster spielte ich als kleines Kind an einem Tischchen mit meinen Puppen und Teddys. Ich sprach mit ihnen, vor allem aber mit "Frau Behnke", meiner fiktiven Nachbarin, mit der ich immer viel zu erzählen hatte.

Der Küchenboden war aus grobkörnigem, schwarz-weißem Terrazzo, die Wände bis zur halben Höhe beige gestrichen, verziert mit einem blauen und einem rostroten Abschluss-Streifen, darüber Wände und Decke weiß gekalkt.

Als wir kurz nach dem Krieg kaum Brennmaterial hatten, wurde unsere Küche das Herzstück der Wohnung und der einzige warme Raum.

Wir mussten ein älteres Ehepaar, Herrn und Frau Brüdern, aufnehmen. Sie hatten beim Kampf um Uelzen ihr Haus verloren. Nun bewohnten sie unsere Stube und beheizten sie mit einem Kanonenofen, dessen Rohr durch ein Loch in einer Sperrholzplatte im Fenster nach draußen führte. Durch den Beschuss waren fast alle Scheiben zerborsten und durch Holz oder Pappe ersetzt. Die wenigen Scheiben, die es noch gab, waren bei Frost mit schönen Eisblumen bedeckt. Erst wenn die Temperaturen stiegen, lösten sie sich in Tauwasser auf. Natürlich kochte Frau Brüdern in unserer Küche, holte dort Wasser und goss schmutziges in den Ausguss. Die Untermieter benutzten auch unsere Toilette und unser Bad. Meine Mutter litt unter den Zuständen, ließ sich aber nichts anmerken.(?)

Manchmal wurde unsere Küche zur Nähstube, nämlich wenn Fräulein Bäuermann, eine Weißnäherin [↗], bei uns Bettwäsche ausbesserte. Neue gab es selten zu kaufen, vielleicht einmal auf "Bezugschein". So stellte sie aus zwei durchgelegenen Lacken oder Kopfkissen jeweils ein heiles her. Durchgewetzte Oberhemdenkragen und -manschetten wendete sie, und auf Schlafanzugknie und Hosenböden setzte sie Flicken.

Als meine Schwester schneidern lernte, half ihr oft Tante Emmy, eine dicke, alleinstehende, stark gehbehinderte Verwandte. Dann war die Küche zugestellt mit Nähmaschine, Bügelbrett und Garderobenspiegel. Auf dem Tisch Stoffe, Modehefte, Schnittmuster, Scheren, Stecknadeln und Garn, der Fußboden voller Fusseln und Fäden.

So entstand unter anderem ein weißer Leinenrock mit breiten Spitzen aus einem Bettüberschlaglaken und ein hellgrauer Mantel aus einer Wolldecke für Sigrid, für mich einer aus kratzigem, curryfarbenem Uniformstoff, hässlich aber warm. Oft arbeiteten die beiden Frauen bis in die Morgenstunden, um ein dringend benötigtes Kleidungsstück fertigzustellen.

Einmal in der Woche hatte meine Mutter "kleine Wäsche" - Unterwäsche, die sie in einer Zinkwanne in der Küche wusch. Bei schönem Wetter musste ich, als ich größer war, die Kleidungsstücke im Garten aufhängen, alles akkurat und nach Kategorien geordnet. Meine Mutter gab Anweisungen vom Balkon. Für die große Wäsche alle paar Wochen kam Frau Grahl ins Haus. Im Kessel in der Waschküche kochte sie die Wäsche in Seifenlauge (Sil), bearbeitete sie danach in einem hochbeinigen Holzzuber auf einer Ruffel (Waschbrett) und mit einer Bürste. Nach dem Spülen drehte sie sie durch eine Mangel. Getrocknet wurde im Garten oder auf dem Speicher, je nach Wetter.

Im Herbst 1945 kochten wir in unserer Küche Sirup und das kam so: Es war Zuckerrübenkampagne. Bauern von nah und fern fuhren mit ihren Treckern und den mit Rüben hochbeladenen Anhängern zur Uelzener Zuckerfabrik. Auf holprigen Straßen verloren sie häufig ein paar Stücke ihrer Ladung, die wir Kinder flugs aufsammelten. Größere Jungs holten Rüben von den Wagen mit Stangen, in die sie Nägel geschlagen hatten. Auf diese Weise "besorgten" uns Freunde meiner Schwester einen Sack voll dieser süßen Fracht.

Mein Vater war in Kriegsgefangenschaft, deshalb sprang mein Großvater zur Mithilfe ein. Die Rüben wurden geschrubbt, in Stücke geschnitten und gekocht. Dann in einer geborgten, etwa achtzig Zentimeter hohen, schweren Presse zerquetscht. Großvater hatte Mühe, den Hebel zu drehen. Bräunlicher Saft rann in eine Wanne. In einem riesigen Wäschetopf brachten wir ihn auf dem Kohleherd zum Kochen. Dort brodelte er stundenlang unter ständigem Rühren, damit er nicht anbrannte. Am Ende wurde aus dem Saft eine dickflüssige Soße. Dem Aluminiumstieltopf, den wir zum Rühren benutzt hatten, fehlte ein Stück vom Rand - abgeschliffen...

Resultat: Unsere Fabrikation war ein ziemlicher Reinfall - großer Aufwand, schwere Arbeit, klebrige Küche, Metallspäne im Sirup, Sirup zu flüssig, Halskratzen hervorrufend und mäßig im Geschmack... Bekanntlich bekommt man beim Verzehr von rohen Zuckerrüben Halsschmerzen. Wahrscheinlich hatte unser Sirup nicht ausreichend gekocht, daher das Halskratzen.

Zum Schluss möchte ich noch von einem Zwischenfall in unserer Küche berichten, der nur Dank eines Schutzengels ein gutes Ende genommen hatte.

Es war der 13. April 1945, vormittags.

Seit wenigen Minuten lag Uelzen unter Artilleriebeschuss. Wir waren in großer Eile dabei, uns im Keller einzurichten. Mein Bruder Uli, als Marinehelfer kürzlich von Borkum heimgekehrt, holte Matratzen aus der Wohnung. Einen Moment verweilte er vor dem Balkonfenster um zu beobachten, wie Granaten in den Kirchturm einschlugen. Plötzlich hörte er ein Pfeifen. Er warf sich zu Boden. Da, wo er gestanden hatte, durchschlugen vierzehn Splitter - (wie wir später zählten) einer im Garten explodierten Granate - den Fensterrahmen und die -scheiben und rissen Löcher in die Decke und in das Heizungsrohr. Das auslaufende Wasser fing er in einer Zinkwanne auf. Während des Beschusses benutzten wir es zum Waschen.

Uli war unverletzt, Gott sei Dank!

Ja, damals brauchten wir viele Schutzengel...

 

 

Januar 2002