Begegnung in der U-Bahn - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Gisela Al Amily sitzt nach einem anstrengenden Besuch bei einer Tante in der U-Bahn in Hamburg. Es ist fast Mitternacht. An einer Haltestelle steigt ein unheimlich wirkender Mann ein. Als der Zug sich in Bewegung setzt, stellt die Malerin fest, dass sie ganz allein mit ihm im Abteil ist. - Dann kommt er auf sie zu.
Diesen Text schrieb sie am 17. November 1999
Begegnung in der U-Bahn
Erschöpft lehne ich mich in meinem U-Bahnsitz zurück.
Der Besuch bei Tante Anna war anstrengender als sonst. Ihr Hörgerät funktionierte nicht. Die ganze Zeit mußte ich ihr ins Ohr schreien.
Nun ist es fast Mitternacht. Müde schließe ich die Augen. Das Rattern des Zuges und das Gemurmel der Mitfahrenden schläfern mich ein.
Beim nächsten Halt bin ich wieder munter. Ein breiter Fahrgaststrom quillt aus dem Abteil. Feuchtkalte Luft weht herein. Ich hülle mich fester in meinen Mantel und schlage den Kragen hoch.
Ein junger Mann steigt ein, leicht schwankend. Seine Erscheinung weckt meine Aufmerksamkeit. Er ist groß und mager. Seine Jeansjacke voller Flecken, die Hose zerrissen. Struppige, aschblonde Haare hängen wirr in seine Stirn. In tiefen Höhlen fahlgraue Augen, die seinem bleichen Gesicht etwas Unheimliches verleihen. Ich schiebe meine Handtasche unter den Arm.-
Noch in meine Betrachtung versunken, setzt sich der Zug in Bewegung.
Plötzlich horche ich auf. Nur das Knirschen der Räder - keine Stimmen.
Ich schaue nach allen Seiten. Niemand - außer ihm und mir. Ich beobachte ihn mit Unbehagen. Er wankt bis ans Ende des Abteils und läßt sich auf einer Bank nieder. Nach kurzem Verweilen wechselt er auf einen gegenüberliegenden Fensterplatz, schaut kurz hinaus, steht auf und setzt sich zwei Bänke vor mir hin. Sein starrer Blick macht mich schaudern. Sieht er mich an? Merkwürdig, denke ich beklommen. Ich lege eine Hand vor die Augen und beobachte ihn durch meine Finger.- Wo ist der Notruf? Drei Meter vor mir, neben der Tür.
Der Kerl steht auf, tastet sich in meine Richtung. Schutzsuchend drücke ich mich tiefer in die Ecke. Er ist neben mir, hält inne. Mir stockt der Atem. Jetzt... Nein, er geht weiter, läßt sich auf die Bank hinter mir fallen. Rücken an Rücken trennt uns nur die niedrige Polsterlehne. Ich nehme seinen unangenehmen Körpergeruch wahr. Gelähmt vor Angst bin ich unfähig, mich zu erheben.
Wenn er mich hinterrücks angreift? -
Er steht auf.-
"Nein!" flüstere ich entnervt. Als nichts passiert, wage ich einen Seitenblick. Der Typ ist eine Bank weiter gerückt. Ein Irrer!
Der Zug läuft in Garstedt ein. Gerettet! Fahrgäste steigen zu. Ich wende mich um. Wo ist der Wunderliche? Ausgestiegen. Gott sei Dank.
Mein Gegenüber studiert die Bildzeitung. Auf der Titelseite in großen Lettern DROGENABHÄNGIGER ERWÜRGT FRAU IM FAHRSTUHL. Eiskalt läuft es mir über den Rücken...
Kommentar zu diesem Text
Es war damals in Hamburg ein häufiges Phänomen, dass völlig verwahrloste Drogensüchtige wirr durch die Bahnen wankten, und es kam vor, dass sie sich direkt dort die Spritze setzten. Insofern ist es wahrscheinlich, dass die Künstlerin ein derartiges Erlebnis hatte.
Dennoch spricht einiges dafür, dass diese Geschichte zum großen Teil erfunden ist. 1) Von einer "Tante Anna" ist nichts bekannt. Die Malerin hatte aber eine Tante Gisela in Uelzen, die ein Hörgerät trug. 2) Die U-Bahn-Station "Garstedt" der Linie U1 ist nur eine Station von "Ochsenzoll" entfernt. In Ochsenzoll befindet sich eine große psychiatrische Klinik, weshalb der Begriff "Ochsenzoll" in Hamburg oft abwertend und beleidigend als Synonym für "Irrenhaus" verwendet wird ("Sie gehören nach Ochsenzoll!"). 3) Die Künstlerin wohnte zu der Zeit im Buschkamp in Hamburg-Fuhlsbüttel. Falls sie von einem Besuch bei ihrer Tante Gisela gekommen wäre, hätte sie aus Richtung Hauptbahnhof sechs Stationen vor Garstedt aussteigen müssen. 4) Der Schluss wirkt wie das Ende einer Gruselgeschichte.
Es handelt sich daher vermutlich um eine erfundene Geschichte, die durch ein tatsächliches Erlebnis inspiriert wurde.


