Flick und Flock - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Gisela Al Amily erzählt von der Zeit, als sie als Fünfjährige wochenlang an Scharlach erkrankt ist. Ihre Mutter liest ihr Geschichten vor. Eine davon ist so traurig, dass die Künstlerin für die Protagonisten zum Lieben Gott betet.
Flick und Flock
Ich war fünf - seit Wochen an Scharlach erkrankt. Um meine Langeweile zu überbrücken, hatte meine Mutter mir schon viele Geschichten vorgelesen.
Eine - fand ich, war schrecklich traurig. Sie handelte von Flick und Flock, zwei Dackeln, die zusammen aufgewachsen und unzertrennlich waren.
Eines Tages wurde Flick von einem Auto überfahren und getötet.
Flock wich nicht mehr von dessen Grab und wurde krank in seiner Trauer.
Ich war so ergriffen von dieser Geschichte, daß ich am liebsten losgeheult hätte. Verstohlen wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel.
Als meine Mutter zum Einkaufen gegangen war, stieg ich aus dem Bett, legte das Buch mit den Dackelbildern auf die Fensterbank. Mit gefalteten Händen schaute ich in den Himmel und betete inbrünstig: "Lieber Gott, laß doch den Dackel wieder lebendig werden.", dabei ließ ich meinen Tränen freien Lauf.
Ob der liebe Gott mich erhört hat? - ich weiß es nicht mehr ...
20. März 1999


