Der einsame Harzer - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Der Vater der Künstlerin war ein guter Erzähler und unterhielt auf mancher Feier die Anwesenden mit lustigen Anekdoten, aber auch ernsteren Geschichten aus seinem Leben. Hier erzählt die Malerin eine seiner heiteren Geschichten, bei der ein zweckentfremdeter Harzer Käse die Hauptrolle spielt.
Der einsame Harzer
Mein Vater war ein sehr korrekter und gewissenhafter Mann, wie es seine Stellung als Buchhaltungsleiter der Uelzener Stadtwerke verlangte. Er war aber auch ein amüsanter Erzähler. Bei Familienfesten, Feiern mit Kollegen oder Sportsfreunden gab er gern einmal kleine Anekdoten zum besten wie z. B. diese:
"Ich war ein junger Bursche. An einem Sommerabend hatte ich vergnügt mit meinen Sportskameraden irgendeinen Sieg gefeiert. Ich war Fußballer, Linksaußen (?) und meine Mannschaft war in die Oberliga aufgestiegen.
Während des Beisammenseins war reichlich Alkohol geflossen. Nun waren wir im Aufbruch. Beim Rausgehen entdeckte ich einen einsamen Harzer auf dem Tisch, vom Abendessen übriggeblieben. - Schade um den Käse -, dachte ich und nahm ihn mit. Noch unschlüssig, wohin damit, ließ ich ihn ein paarmal spielerisch in meiner Hand auf- und niederhüpfen. Da kam Sportsfreund Etsch (Brakel) mit seinem Fahrrad angeschoben, schon ein bißchen wackelig auf den Beinen. Just, als er sich etwas unsicher auf seinen Drahtesel schwingen wollte, fiel mir der Harzer ein. Flugs schob ich ihn auf seinen Sattel und Etsch ritt - hier und da ein paar Schlenker machend - auf ihm davon.
Als seine Mutter ihn am nächsten Morgen aus tiefem Schlummer zu wecken versuchte und in sein Zimmer trat, soll sie entsetzt zurückgefahren sein und geschrien haben: 'Erich, was hast du gemacht!!?' - Sicherlich hatte der Käse - inzwischen gut gewärmt und weichgeritten - sein volles Aroma entfaltet …"
----------
Mein Vater, Adolf Meyer, geb. 28. April 1900,
Kassenwart und Buchhaltungsleiter bei den Uelzener Stadtwerken (E-Werk)
5. April 1998


