Interview mit der Malerin Gisela Al Amily
In einer Sonderausgabe der Zeitschrift des ehemaligen Hamburger Stadtteilvereins Im Tarpenwinkel e.V. zum Thema Frauen, Kunst, Kreativität erscheint 1998 ein Interview mit Gisela Al Amily. Darin beschreibt sie, wie sie zur Malerei kam, welche Bedeutung diese in ihrem Leben hat und welche Veränderungen die Malerei auch bei ihren Malschülerinnen bewirkt. Darüber hinaus äußert sie sich zu anderen Aspekten der Thematik.
Interview mit der Malerin Gisela Al Amily
"........ Eine meiner Frauen in der Malgruppe ist schon 84 Jahre alt, trotzdem hat sie einen lebhaften, modernen Strich."
Gisela, was bedeutet Dir die Malerei?
Sehr viel. Sie gibt mir Selbstbewußtsein. Ich kann mich völlig in sie hineinversenken. Oft identifiziere ich mich mit den Personen, die meistens erfunden sind, und bringe ihre Gefühle zum Ausdruck. Dieses Bild z. B. habe ich aus Anlaß des Golfkrieges gemalt. Ich hatte einige Jahre im Irak gelebt und war dadurch emotional stark involviert. Ich kann in ein Bild meine ganze physische und psychische Energie fließen lassen und dabei entwickelt sich eine enorme Ausdauer. Auch eigene Trauer kann ich in ein Bild einbringen und dadurch zur Aufarbeitung beitragen. Und sie verhilft mir dazu, mich in die Menschen hineinzuversetzen.
Wann hast Du angefangen zu malen?
Als Kind und Jugendliche. Aber der Durchbruch kam mit 46 Jahren.
Gab es einen Anstoß bzw. Auslöser?
Nachdem ich kurze Zeit in Saudi-Arabien gelebt hatte (1982), wurde bei mir Nierenkrebs diagnostiziert. Die befallene Niere wurde in Holland entfernt. Wieder zurückgekehrt und noch in der Rekonvaleszenz, hatte ich die Idee, meine Zeit mit Malen auszufüllen. Da das Fotografieren von Menschen nicht erlaubt war in Saudi-Arabien, stellte ich Miniaturszenen des arabischen Alltags dar, aus der Erinnerung. Eine Hamburger Künstlerin (Inge Rose-Grass), die ich dort kennenlernte, war begeistert von meinen Bildern und ermutigte mich, an Ausstellungen in Riad teilzunehmen. Als ich nach 3 ½ Jahren nach Hamburg zurückkehrte, nahm ich für 5 Jahre Malunterricht im Institut Erika Gloede, Poppenbüttel. Neben dem Unterricht male ich täglich.
Wie siehst du das Verhältnis von Kunst und Menschsein?
Das Leben wird intensiver. Es hilft genauer zu betrachten. Ich interessiere mich für Menschen, und da ich sie male ist es noch intensiver. Kunst kann uns Lebensfreude und Lebensqualität geben. Der Kampf um ein Bild und dann, wenn es abgeschlossen ist, empfinde ich Freude und Stolz.
Was fällt Dir zur Kreativität ein?
Es ist dieses selber kreieren. Es ist dieses selber geschaffen haben. Wenn ich pflanze, kann ich es nicht selber wachsen lassen, sondern es wächst, ist sozusagen vom 'lieben Gott' abhängig und nicht von mir. Nichts hat mir soviel Freude gemacht, wie das, was ich jetzt mache, das Malen. Malen und Bildhauern ist für mich das Nonplusultra. Ich schöpfe aus meinem Inneren, meiner Phantasie. Wenn ich meine Phantasie anrege, wenn ich etwas schaffe, das aus mir kommt, ist das das Höchste.
Du bist jetzt fast 62 Jahre alt. Dieses Alter beinhaltet auch einen gewissen Lebensüberblick. Glaubst Du, daß das, was ein aktives künstlerisches Arbeiten bietet, auch in einer anderen Beschäftigung zu bekommen ist?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn ich aus mir selber schöpfe und darin völlig aufgehe, ist das für mich die größte Genugtuung.
Stimmst Du der Behauptung zu, daß das Kreative etwas zutiefst Menschliches ist?
Ja, absolut. Jeder Mensch möchte sicherlich gerne kreativ sein, oft fehlt ihm die Anregung. Ich sehe in meiner Malgruppe, wie Leute, die nie gemalt haben, durch Anleitung plötzlich "sehen lernen" und über ihre Fortschritte erstaunt und glücklich sind. Das weckt die tiefsten Gefühle. Das sehe ich nicht nur an mir, sondern auch bei den anderen Frauen. Ich denke, daß man in seine Tiefe kommt. Man geht in seine Tiefe und holt etwas heraus, wovon man nicht vermutet hat, daß es da ist.
Wenn Du zurückblickst: Wodurch unterscheidet sich die Zeit als Malerin von der als Nicht-Malerin?
Das läßt sich leicht beantworten. Als Malerin ist mein Leben reicher, intensiver. Vor 12 Jahren habe ich sogar den Fernseher abgeschafft. Er hatte in meinem Leben keinen Platz mehr. Die Malerei erfüllt mich und gibt mir Selbstvertrauen.
Stichwort Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein.
Wie bereits vorher gesagt: die Malerei gibt mir Kraft. Je mehr ich mich damit befasse, umso weiter geht meine Entwicklung. Tiefer gehen, nicht nur so an der Oberfläche bleiben, oberflächlich sein.
Geschichte der Frauenmalerei. Was fällt Dir dazu ein?
Mir fällt dazu ein, daß Frauen immer nur die Mutter- und Frauenrolle zufiel und es je nach Familie verpönt war, wenn Frauen sich in die Öffentlichkeit begaben. Es war eben nicht anerkannt.
1998 (Vermutlich erschien die Zeitschrift um den 8. März herum, dem Internationalen Frauentag.)


