Ein langer Weg - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Eine Frau, Susanne, erreicht nach einem beschwingten Abend nachts die Endstation mit dem Bus. Singend und in Erinnerungen schwelgend macht sie sich auf den 30-minütigen Fußweg nach Hause. Doch die Stille und die Dunkelheit machen ihr Angst. Ihr Singen verstummt. Plötzlich gerät sie in Panik. Noch ein Stück, dann erreicht sie ihr Haus. Geschafft! - denkt sie ...
Ein langer Weg
Endstation! In einer halben Stunde würde sie Zuhause sein. Susanne hüpfte aus dem Bus u. machte sich beschwingt auf den Heimweg. In ihr war Singen und Klingen. Sie hatte sich verliebt. "Only You..." sang sie und machte ein paar Tanzschritte. Verlegen sah sie sich nach den ihr folgenden Leuten um: ein Liebespaar, eng umschlungen, selbstvergessen.
Mit langen Schritten eilte sie durch die nicht enden wollende Bahnhofstraße. Das Geklapper ihrer Absätze hallte von den Hauswänden zurück. "Kein bißchen damenhaft", würde ihre Mutter sagen. Egal - nur schnell nach Hause. Trotz ihres Tempos immer noch 20 Minuten Weg. Längst war Mitternacht vorbei.
Wieder warf sie einen Blick zurück. Die Verliebten waren verschwunden, kein Mensch auf der Straße so weit sie im Dunst sehen konnte.
Frösteln. Sie zog ihren Mantel enger zusammen. Eben noch der überheizte Bus, jetzt die kalte, nebelfeuchte Novembernacht. kein erleuchtetes Wohnungsfenster, beklemmende Stille.
Wenn "ER" jetzt an ihrer Seite wäre...
Ende der Bahnhofstraße. Rechts in die Industriestraße. Spärliche, fahlgelbe Beleuchtung. Kaum ein Wohnhaus zwischen den Büro- u. Fabrikgebäuden.
Sie hastete, sich immer wieder umschauend, voran. Alles wie ausgestorben, still, nur nicht ihre Absätze.
Barfußlaufen? Nicht bei diesem Wetter! Kein Singen und Klingen mehr in ihr. Jetzt von Furcht ergriffen.
Industriestraße geschafft. Sie atmete tief durch. Nun noch die dreihundert Meter lange Allee. Hinter ihren stämmigen Linden könnte sich gut jemand verstecken. Der Sandboden schluckte die Geräusche ihrer Absätze. Sie versuchte, das Keuchen ihres Atems zu unterdrücken. - Plötzlich, aus der Dunkelheit zwischen den Bäumen kam etwas auf sie zugeschossen.
Entsetzt schlug sie einen Haken. Zwei einander sich jagende Katzen sausten an ihr vorbei. Jetzt war sie nur noch Angst. Ihr Herz schlug rasend gegen ihre Rippen. Mit Blicken nach allen Seiten versuchte sie, die Dunkelheit zu durchbohren.
Ein Knacken, Krachen - ein Ast stürzte hinter ihr auf den Weg. - "Oh, Gott," betete sie, "laß mich unversehrt nach Hause kommen".
Noch drei Bäume, dann links in den Buschweg. Nach hundert Metern würde sie Daheim sein. Während sie voraneilte, wühlte sie in den Manteltaschen nach dem Schlüssel. Handschuhe, Taschentuch, sonst nichts. Hier - in der Brusttasche. Noch 10 Meter fünf, ihr Haus! - Mit zittrigen Händen schloß sie die Tür auf. Gerettet!! Warum war sie bloß so ein Angsthase gewesen? -
Beim Abschließen warf sie einen beiläufigen Blick durch die Glasscheibe. Da - ein fremder Mann, zwei Schritte vom Eingang entfernt. Sie erstarrte.
Wo kam der plötzlich her. Als sich ihre Augen trafen, riß er seinen Mantel auf. Nur noch mit einem Pullover bekleidet stand er vor ihr...
In Panik hetzte sie die Treppe hinauf. Erst als sie ihre Wohnungstür verriegelt hatte, wagte sie für Sekunden, Atem zu schöpfen. Im Dunkeln schlich sie auf den Balkon. Spähte nach allen Seiten. Kein Mensch weit und breit. Totenstille.
Sie schloß die Vorhänge und machte Licht. Erschöpft ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Unaufhörlich hämmerte es in ihrem Kopf: hatte der Mann sie verfolgt? ihr aufgelauert? Was, wenn sie ihm unterwegs begegnet wäre?
Nach Stunden löste sich die Anspannung. Schlafen wollte sie endlich - und niemals wieder nachts alleine diesen langen Weg gehen.


