Die Allee - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Zum Thema "Gedanken zu einem Gemälde", vermutlich im Rahmen einer Schreibwerkstatt, in der sie Mitglied war, schreibt Gisela Al Amily über die Entwicklung ihrer Liebe zur Stadt Dresden, einer Stadt, die für sie ein Symbol für den Wahnsinn des Krieges, aber auch der Hoffnung ist. Der Text entstand am 20. November 1997.
Die Allee
Bei einem Rundgang durch eine Galerie wird mein Blick besonders von einem Bild angezogen, das eine Allee stämmiger Bäume darstellt. Die Blätter sind herbstlich gefärbt, Laub liegt auf der Erde, die Sonne vergoldet den Weg. Ich folge ihm in meinen Gedanken. Wohin führt er mich?
Unwillkürlich schiebt sich ein anderes Bild vor mein inneres Auge: Dresden, "Großer Garten". Ja, Dresden, die Stadt, die ich so liebe.
Auch damals war Herbst, als ich zum ersten Mal in diese Stadt kam, kurz nach der Wende. Ein eigenartiger Geruch lag über der Stadt --Braunkohleverbrennung, Häuser grau in grau, einstmals prächtige Villen oder stattliche Mietshäuser, nun Ruinen oder heruntergekommene Behausungen. Tristesse - und doch nicht verloren. Erste Anzeichen von Neubeginn. Hier und da zwischen verfallenen Gemäuern ein eingerüstetes Haus. Hoffnung.
Wie wird es sein, wenn --, wenn all die einstmals prunkvollen Gebäude in neuem Glanz erstrahlen?
Im Frühling kam ich wieder nach Dresden. Fortschritt wurde sichtbar. Oper und Zwinger bereits in alter Pracht, ab und zu ein restauriertes Wohnhaus.
Ich kam wieder u. wieder. Ich hatte mich verliebt..., verliebt in diese geschundene Stadt, die in den letzten Kriegstagen in Schutt u. Asche gelegt worden war. Tausende Menschen hatten ihr Leben verloren. Dresden - ein Sinnbild für den Wahnsinn des letzten Krieges, für alle Kriege....
Mein Herz schlägt schneller.
Träume ich? Nein, es ist wahr: nächste Woche fahre ich nach Dresden.
Wieder ist Herbst.
Ob noch immer dieser eigenartige Geruch über der Stadt liegt?...


