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Der vergessene Landstrich - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Gisela Al Amily erzählt von ihrer Bekanntschaft mit einer kleinen Gaststätte an der Elbe in einem ehemaligen Sperrgebiet der DDR, deren Name angesichts der damaligen Situation schmunzeln lässt. Eine heitere, aber auch nachdenklich stimmende Geschichte zum geteilten Deutschland. Als sie den Text schrieb, lebte die Künstlerin in Hamburg-Fuhlsbüttel.


Der vergessene Landstrich

Nahe Lenzen an der Elbe liegt das winzige Dorf Opsandt Anm.1. Gleich hinter dem Deich sein kleines Gasthaus "Elbblick".

Zu DDR-Zeiten war diese Gegend Sperrgebiet.

1995 entdeckte ich das Lokal zufällig bei einer Radtour. Bunte Sonnenschirme, Tische und Stühle vorm Haus luden mich ein. Eine freundliche Frau, adrett mit weißer Schürze, kam heraus und fragte nach meinen Wünschen.

"Würden Sie mir die Speisekarte ...?" Die Speisekarte war sie selbst.

"Heute habe ich Aal in Gelee mit Bratkartoffeln", sagte sie, "und Hackbraten mit Reis. Zum Nachtisch Vanillepudding mit Himbeersoße."

Wie bei Muttern, dachte ich.

"Aal in Gelee mit Bratkartoffeln und ein Bier, bitte."

Ich fühlte mich behaglich. Sonne, die stille Landschaft, Essensdüfte. Noch war ich der einzige Gast. Die Wirtin rief die Bestellung ins Haus. Sie schob hier ein Tischtuch, dort einen Stuhl zurecht. Sie schien nicht in Eile.

"Hatten Sie dieses Gasthaus schon vor der Wiedervereinigung?", fragte ich sie.

"Seit Jahrzehnten gepachtet."

"Wie war es vor der Wende?", versuchte ich das Gespräch fortzusetzen.

Sie blickte, versonnen lächelnd, in Richtung Elbe. "Tja, damals ... das waren keine leichten Jahre ... und dennoch gab es uns ... Zwar konnten wir die Elbe nicht sehen, aber riechen. Sie war hinter dem Grenzzaun."

Gespannt sah ich sie an. "Erzählen Sie bitte weiter." Mein Interesse schien sie zu freuen.

"Wir im Sperrgebiet lebten ganz unter uns. Niemand kam herein ohne Sondergenehmigung. Eher kamen wir heraus. Deshalb wurden große Familienfeste außerhalb gefeiert. Wir Einheimischen waren zwar isoliert, aber nicht einsam. Das Schicksal hatte uns zusammengeschmiedet. Wir halfen uns gegenseitig. Not verbindet."

Ich nickte zustimmend. Eine junge Frau brachte das Bier.

"Meine Tochter - wir sind ein Familienbetrieb. Mein Mann hat bei der LPG gearbeitet, nun ist er arbeitslos. Jetzt steht er mir zur Seite, kauft ein, zapft Bier ... "

"Hatten Sie überhaupt Gäste während Ihrer Isolation?"

"O ja, hier war immer Betrieb: Versammlungen der LPG, des Gesangsvereins, Männer aus der umliegenden Gegend trafen sich hier zum Skat oder einfach zum Klönen. Auch die Grenzer kamen auf einen Kaffee oder eine Limo herein. Sonntags war Familientag. Dann blieb bei den werktätigen Frauen auch mal die Küche kalt. Dann wurde eben im 'Elbblick' gegessen."

"Elbblick" - welch eine Ironie, dachte ich. Wenn man doch die Elbe nicht sehen konnte.

"Mein Essen war immer beliebt", fuhr sie fort. "Wir hatten Hühner, zwei Schweine, die Erträge des Gartens, dazu, was man im Laden kaufen konnte. Da gab es nicht viel. Alles bereitete ich in meiner kleinen Küche zu. Zum Kochen nur drei Flammen, aber die Gäste hatten ja Zeit. Geduldig unterhielten sie sich miteinander. Auch russische Offiziere kehrten bei mir ein, brachten auch schon mal eine Flasche Wodka mit. Ach, und dann die einfachen Soldaten, die rückten gleich in kleinen Trupps an, wenn kein Vorgesetzter in Sicht war. Junge Kerle mit grauen, eingefallenen Gesichtern in abgewetzten Uniformen. Sie taten mir leid. Manchmal spendierte ich ihnen einen Schnaps oder einen Teller Suppe.

Tja, von unserem vergessenen Landstrich gäbe es noch manches zu erzählen."

"Aber eines Tages fiel die Mauer und Sie waren frei.", warf ich ein.

"Frei, ja, ein wunderbares Gefühl. Aber dann verlor mein Mann seine Arbeit. Die Menschen veränderten sich. Jeder wurde zum Einzelkämpfer. Und nun soll unser Gasthaus an einen "Wessi" verkauft werden, der zwar keinen guten Ruf, aber viel Geld hat. Da können wir nicht mithalten. Trotzdem: Wir kämpfen."

Mein Essen kam. Ich schmauste. Danach Aufbruch. Mit einem herzlichen Händedruck wünschte ich alles Gute. "Ich drücke Ihnen die Daumen!"

Nach einem Jahr führte mich mein Weg wieder zum "Elbblick". In der Tür die Wirtin, schmucker als zuvor. Sie erkannte mich.

"Es hat genützt!", rief sie."

"Was?"

"Ihr Daumendrücken! Wir haben doch den Zuschlag bekommen. Seh'n Sie sich mal meine neue Küche an!"

"Wie freu' ich mich für Sie!" Und ich bestellte: "Einmal Aal in Gelee mit Bratkartoffeln und ein Bier!"

 

 

1996


Anm.1 Den Namen hatte die Malerin vermutlich falsch in Erinnerung, da es einen Ort namens "Opsandt" an der Elbe nicht zu geben scheint. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um den Ort Besandten, in dem heute noch (Stand: März 2026) auf Google Maps eine Gaststätte namens "Zum Elbblick", mit dem Zusatz "Dauerhaft geschlossen", direkt am Elbdeich angezeigt wird. Passenderweise steht in einer der Google-Rezensionen "... alles so wie bei Muttern."