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Die Spritztour - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

An Sylvester 1983 unternimmt die Künstlerin zusammen mit ihrer Familie einen Ausflug in die Wüste nahe Riad. Es soll nur eine kleine Spritztour werden, weshalb sie weniger Proviant und Wasser als sonst dabei haben - und weniger Benzin im Tank. Doch die Ausfahrt wird unangenehm, als eine Wüstenpiste sich im Nichts verliert und sie den Weg zurück nicht finden - wobei sie mehrfach im Sand stecken bleiben. Als sie ein Auto sehen, scheint die Situation gebannt, doch es hat sich auch verirrt - und verschwindet bald darauf auf mysteriöse Weise. Es kommt zu einer beunruhigenden Irrfahrt durch die unendlich erscheinende Einsamkeit. Als die Tanknadel den roten Bereich erreicht, wird die Situation berdrohlich.


Die Spritztour

Weihnachtsferien. Rimi und Faris, in Düsseldorf im Internat, besuchten uns in Saudi Arabien. Hier gab es wenig Abwechslung für Jugendliche. Mit einem Vergnügen, was es in Deutschland nicht gab, konnten wir allerdings aufwarten: Autofahren in der Wüste - ohne Fahrerlaubnis.

Spontan entschlossen wir uns zu einem kleinen Ausflug.

Seit ein paar Wochen war die große Hitze vorüber, deshalb packten wir nur einige Flaschen statt Kisten Wasser ein, sowie ein bescheidenes Picknick.

Es war später Vormittag, als wir unser Ziel erreichten.

Die Wüste hat viele Gesichter. Hier war sie sandige Ebene.

Während die Jungen nun unter Vaters Anleitung abwechselnd herumkurvten, suchte ich nach ausgefallenen Steinen, die es in den bizarrsten Formationen gab. Das interessanteste Exemplar meiner Fundstücke: ein großer, roter Sandsteinblock, zusammengesetzt aus lauter Röhren. Mühsam schleppte ich ihn zu unserem Rastplatz. - Mittagessen. Nirgends schmeckten Essen und Trinken besser als in dieser unendlichen Einsamkeit - Danach Aufbruch. Beduinen hatten Spuren mit ihren Pick-ups hinterlassen, (Minitransporter), mit denen sie schneller als mit ihren Kamelen zum nächsten Souk kamen.

Wir folgten einer Fährte, bis diese sich plötzlich im Nichts verlor. - Zurück. Weiter auf einer anderen ... Wieder Ende. - Nächster Versuch. Wir blieben stecken. Wir lachten, als wir wie Kaninchen die Reifen ausbuddelten ... Eine Strecke gefahren, nochmals versackt - gegraben, geschoben, weiter - eine Mulde, tiefer als zuvor, allmählich die Fingerkuppen wund, das Lachen vergangen ...

Da ! ein Auto. Rettung? Festgefahren! Ein Engländer und zwei Frauen stiegen aus - mit Schaufeln. Nachdem sie sich freigeschippt hatten, kamen sie uns zu Hilfe.

Keiner von uns wußte in welcher Richtung und Entfernung der Highway lag. Gemeinsam wollten wir nun unser Heil versuchen. Der Engländer übernahm die Führung - in rasanter Fahrt über Stock und Stein, jetzt auf festerem Untergrund. Wie auf einem wild gewordenen Esel wurden wir durchgerüttelt. Im Kofferraum schepperten Geschirr und Steine. - Wir irrten umher.

Bald befanden wir uns in einer anderen Landschaft mit vielen runden zehn bis fünfzehn Meter hohen Hügeln. Auf einen sanft ansteigenden führte eine Spur, der wir folgten. Auf der Kuppe angekommen, vor uns steiler Abgrund. Am Sitz festgeklammert, entfuhr mir ein Schrei. Abrupt kamen die Wagen zum Stehen. Einen Moment mußten wir uns von dem Schrecken erholen. Schaudernd blickten wir in die Tiefe.

Mittlerweile zeigte unsere Tankuhr Notstand - und keine Benzinreserve dabei ...

Niemals waren wir so schlecht ausgerüstet in der Wüste gewesen - aber es sollte ja nur eine Spritztour werden. Unsere Gefährten hatten noch eine dreiviertel Tankfüllung. Wir hofften auf ihren Beistand, wenn bei uns Ebbe wäre.

Bergab führte Razak. Unsere Begleiter setzten sich nur zögernd in Bewegung.

Nachdem wir einen Hügel umfahren hatten, verlangsamten wir. Das andere Fahrzeug kam nicht. Wir hielten, warteten, fuhren eine Strecke zurück, bis wir Sicht auf den Ausgangspunkt hatten. - Kein Mensch weit und breit - wie vom Erdboden verschluckt. In uns wuchs ein Verdacht: sie hatten uns im Stich gelassen, weil sie nicht ihr Benzin mit uns teilen wollten ...

Es war fünfzehn Uhr. In eineinhalb Stunden würden Nacht und Kälte hereinbrechen. Plötzlich wurden mir die schreckliche Stille und Unwirtlichkeit an diesem Ende der Welt bewußt. Kaum noch Wasser und Nahrung, keine warme Kleidung.

Um uns zu orientieren, bestiegen wir einen Berg. Mit leise klagendem Ton blies uns ein kühler Wind entgegen. Haare, Gesichter und Zeug waren bald von Sand überzogen. Knirschen zwischen den Zähnen. Frösteln. Ausschau nach allen Richtungen. Unendliche Weite und Verlassenheit. Waren wir verloren? - Angst - Niemand würde uns finden ...

Ein Beduinenlager!!! - Faris riß mich aus meinen hoffnungslosen Gedanken. Oh, glückliche Fügung. Zum ersten Mal hatte er sein Fernglas dabei. Unsere Rettung. Mit bloßem Auge hätten wir die Zelte nie entdeckt. Mit dem letzten Benzin schlichen wir bis zum Camp. Es schien verlassen - da tauchte eine alte Frau mit einem kleinen Mädchen auf. Razak erklärte unsere Notlage. Benzin? Nein. Wir sollten beim Nachbarn fragen.

Ein alter Mann entfachte gerade vor seinem Zelt ein winziges Feuerchen, um seine Hände zu wärmen. Er könne nicht helfen, alle seien in der Stadt. Wir schauten einander ratlos an. Wenigstens in Menschennähe ...

Ein Pick-up hoppelte heran. Mißtrauisch schaute der Fahrer uns an, als Razak seine Bitte vortrug. NEIN, war die Antwort. Auch als mein Mann ihm großzügigste Bezahlung anbot. NEIN? Das war Verstoß gegen das Gesetz der Wüste. "Schämst du dich nicht? Ich bin Moslem und Araber und du hilfst mir nicht? Das zog. Er gab uns Benzin, ausreichend bis zur nächsten Tankstelle am Highway, wies uns den Weg und wollte von Bezahlung nichts wissen. Allah möge es vergelten ...

Wir fuhren vorsichtig. Nach einer halben Stunde oder so hatten wir wieder Asphalt unter den Rädern. Erst jetzt ließ die Anspannung nach. Tankstelle. -

Im Dunkeln kamen wir heim.

Später beim Fondue in unserem behaglichen Eßzimmer wanderten unsere Gedanken immer wieder in die Wüste. Schaudernd malten wir uns aus, was hätte passieren können ...

Wo waren die Engländer geblieben?

Alhamd ullilah! Wir waren gerettet. Gott sei Dank!