Wenn - Malen nach der Operation - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Ein Text zum Thema "Wenn", den die Künstlerin im Rahmen einer Schreibwerkstatt bei LAB in Hamburg-Fuhlsbüttel schrieb, wo sie selbst zwei Malgruppen leitete. Darin schildert sie, wie sie als Folge ihrer schweren Erkrankung 1982 in Riad (Saudi-Arabien) die Malerei entdeckte und wie sich dies auf ihr weiteres Leben auswirkte.
Wenn - Malen nach der Operation
Wenn ich nicht schwer krank geworden wäre, hätte mein Leben einen anderen Verlauf genommen.
Nach meiner Nierenoperation in Holland 1982 - ich war sechsundvierzig Jahre alt - kam ich dünn und schwach nach Riad zurück. Meine gewohnten Streifzüge durch die Souks konnte ich noch nicht wieder aufnehmen.
Als ich eines Tages auf unserer Terrasse saß und überlegte, wie ich meine Freizeit gestalten könnte, kam mir die Idee zu malen. Als Kind hatte ich dieses Hobby gerne betrieben. Mit dem Tuschkasten meines Sohnes entstanden nun Wüstenlandschaften und Szenen des arabischen Alltags - alles aus der Fantasie.
Anfangs waren die Darstellungen recht naiv. Mit jedem Bild wurde ich besser und mein Blick geschärft.
Irgendwann rahmte ich einige Arbeiten ein und schmückte damit unser Wohnzimmer. Als ich einmal von der deutschen Malerin, Inge Rose-Grass, ebenfalls in Riad lebend, besucht wurde, sah sie meine Bilder. Sie gefielen ihr so sehr, dass sie mich zum Ausstellen ermutigte. Zuerst wehrte ich ungläubig ab, dann stürzte ich mich in die Arbeit und siehe da - einige Monate später hatte ich zusammen mit meiner Entdeckerin eine Ausstellung, und zwar in der Deutschen Botschaft. Ich war zu dem Zeitpunkt gerade in Deutschland und hörte durch meinen Mann, wie begeistert alle Bilder aufgenommen wurden.
Wochen später stellte ich in der Arts & Crafts Society zusammen mit vielen internationalen Künstlern aus. Ich fand das sehr interessant und aufregend und war überwältigt von der Begeisterung und Anerkennung für meine Bilder, die ausschließlich arabisches Leben darstellten. Nach der ersten Ausstellungsstunde trugen alle Bilder einen roten Punkt - verkauft! Ich war unendlich stolz und glücklich. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens.
Nach weiteren erfolgreichen Ausstellungen gingen wir nach Deutschland zurück. Das war im Sommer 1985. Ab Herbst besuchte ich - für fünf Jahre - das Malinstitut von Erika Gloede, die mir ein gutes Rüstzeug vermittelte.
Auch privat malte ich mit Begeisterung und Ausdauer, hatte einige Ausstellungen und wurde schließlich 1996 Malgruppenleiterin bei der LAB-Fuhlsbüttel. Diese Arbeit und der Umgang mit meinen Malerinnen und Malern hat mich sehr glücklich gemacht.
Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich nicht schwer krank geworden wäre...?
5. September 2002


