Eine Minute vor zwölf - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Riad, Saudi-Arabien, Ende März 1982. Gisela Al Amily hat unerträgliche Schmerzen in der rechten Seite und braucht dringend Hilfe. In einem holländischen Camp mit Krankenstation wird sie geröntgt. Am nächsten Tag die schlechte Nachricht: "Entweder eine Zyste - oder ein Tumor. Fliegen Sie schnellstmöglich nach Europa." Brutal aus ihrem gerade so schön gewordenen Leben gerissen, fliegt sie in ihrem schlimmen Zustand allein nach Eindhoven. Dort offenbart ihr ein Arzt den Ernst der Lage ...
Eine Minute vor zwölf
Inzwischen ist Mittagszeit.
Ich brauche Hilfe.
Ich rufe im Büro an. Ron Davis, der Office Manager, ist sofort bereit, mich zu Dr. Heeren zu bringen.
Die Fahrt wird zur Tortur. Die kleinste Erschütterung durch eine Straßenunebenheit spüre ich wie Messerstiche in meiner Seite.
Für den folgenden Tag überweist mich mein Arzt zum Nierenröntgen nach "Ballast Needem", einem ebenfalls holländischen Camp, das eine 5-Betten-Krankenstation hat.
29. März. "Ballast Needem". Dort wird mir ein Kontrastmittel in die Vene gespritzt, danach werden mehrere Aufnahmen meiner Nieren gemacht. Die Schmerzen sind inzwischen erträglich, aber ich bin völlig erschöpft.
Am nächsten Tag wird mir der Befund telefonisch übermittelt: kein Stein, entweder eine Zyste oder ein Tumor. "Fliegen Sie so schnell wie möglich nach Europa", rät mir der Doktor, "als Frau und Ausländerin bekommen Sie in Saudi Arabien keine Hilfe in einem Krankenhaus."
Ich bin bestürzt, so auch Razak, als ich ihn im Büro anrufe. Sofort wird ein Ausreisevisum beantragt. Anmeldung im Diaconessen-Krankennaus in Eindhoven, Holland, dort ist auch Philips' Hauptsitz und meine Schwester wohnt nur 40 Autominuten entfernt in Belgien. Sie wird sich um mich kümmern.
Während Razak alles organisiert, packe ich meinen Koffer, tieftraurig. Eben noch so glücklich, auch mit meinem Mann und nun? ...
Am 31. ist alles bereit. Mein Flugzeug geht abends. Razak erklärt mir die Reiseformalitäten. Er muß sie mehrmals wiederholen. Zwar höre ich seine Worte, aber es dauert, bis ich den Sinn aufnehme. Ich bin wie in Trance. Ja, bis Flughafen Charles de Gaulle, dann City Hopper nach Eindhoven.
Eine lange Nacht, eingepfercht in der mittleren Reihe, 1 1/2 Stunden Aufenthalt in Paris. Gegen 10 Uhr (1.4.82) bin ich in Eindhoven. Ein Mini-Flughafen, die Abfertigungshalle eine Art Wohnzimmer.
Meine Schwester (u. Willem Berkvens) erwartet mich. Ich fühle mich geborgen.
Nachmittags Termin bei Dr. Oderwald in der Urologie.
Er ist ein älterer, sympathischer Arzt, der gut Deutsch spricht. Er schaut sich die Röntgenaufnahmen an und untersucht mich.
"Hatten Sie vorher schon mal Schmerzen?"
"Einmal, vor ein paar Wochen", erinnere ich mich.
"Ich fürchte, wir müssen Sie operieren, Ihre rechte Niere entfernen. Dr. Heeren hat eine weise Entscheidung getroffen, Sie sofort nach Europa zu schicken. Sie haben einen großen Tumor."
Mein Atem stockt, Tränen steigen auf. Bin ich verloren?
Vor der Operation sind noch einige Untersuchungen nötig, ambulant.
Solange wohne ich bei meiner Schwester und Mann.
Ich rufe meinen Bruder und engste Freunde an. Alle sind über meine Nachricht erschrocken.
Ich bin gefaßt, jedoch voller Wehmut. "Sehe ich all das hier zum letzten Mal?"
Am 6. April kommt mein Mann. Er wurde über den Ernst meiner Lage informiert. Abends im Bett spreche ich mit ihm über das, was mich bewegt: was wird aus den Kindern, wenn ich nicht überlebe, aus Mucki, unserem Haus? -
In meinem Adressbuch habe ich viele Namen angestrichen. Verwandte und Freunde. Razak soll sie im Falle meines Todes benachrichtigen.
Er hört mir aufmerksam zu, ohne mich zu beschwichtigen oder meine Lage herunterzuspielen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.
7. April, Aufnahme ins Diaconessen-Krankenhaus.
Es wird eine Arteriografie gemacht. Durch einen Katheter wird ein Kontrastmittel in die Schlagader der Leiste gespritzt. Auf einem Monitor sieht der Arzt die Beschaffenheit des Tumors. Danach werde ich mit einem Druckverband und der Auflage, mich in den nächsten Stunden nicht zu rühren, wieder in mein Krankenzimmer geschoben.
8. April 1982. Operation.
In einem Rollstuhl werde ich zum OP gebracht. Ich habe Schüttelfrost, meine Zähne schlagen aufeinander.
Kaum ist die Narkosespritze angesetzt, versinke ich in tiefes Nichts.
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"Bin ich im Himmel?" ist mein erster Gedanke, als ich am nächsten Morgen erwache. Über mir Apparate und Schläuche, in meiner rechten Seite furchtbare Schmerzen.
Meine Kehle ausgedörrt, im Mund ein bitterer Geschmack. Mein rechter Arm ist festgebunden. Eine Bluttransfusion tropft langsam in meine Vene.
Ich höre Stöhnen aus verschiedenen Richtungen, hebe einige Zentimeter den Kopf und sehe mehrere Betten mit Kranken - Männern und Frauen. - Intensivstation, registriere ich.
Ein Arzt tritt an mein Bett. "Dr. Brillenburg", stellt er sich vor.
"Ich habe Sie zusammen mit Dr. Oderwald operiert. Der hat ab heute Urlaub.
Ihr Tumor war 8 cm groß! Das Resultat der Gewebsuntersuchung kommt in ein paar Tagen."
Nun muß ich mit seiner Hilfe und der einer Schwester aufstehen. Wie ein halbzusammengeklapptes Taschenmesser hänge ich über meiner rechten Seite, habe höllische Schmerzen, aber ich bin auf meinen Füßen. Dr Brillenburg lobt mich und nennt mich von da an "Seine tapfere Hamburgerin" und ich darf zurück auf meine Station.
Ich teile nun das Zimmer mit Frau Cuisters, einer älteren Dame mit einem Oberschenkelhalsbruch, der fast verheilt ist. Sie ist sehr nett, aber das häufige Läuten ihres Telefons kann ich in meinem Zustand kaum ertragen.
Bei meiner Operation wurde ein 30 cm langer Schnitt gemacht und die unteren Knorpelrippen durchtrennt. Das soll mir noch lange zu schaffen machen.
Trotzdem lebe ich langsam auf. Freue mich über Besuch von meiner Schwester, von Razak und Rimi, der inzwischen auch aus Saudi Arabien eingetroffen ist. Weil er kein Exitvisum hatte, durfte er nicht mit Razak ausreisen. Faris ist auf Klassenreise in Janbu am Roten Meer.
Auch ein Philipsmann kommt vorbei mit einigen Geschenken.
"Ich lebe noch", denke ich dankbar, vielleicht wird alles gut."
Dann die Hiobsbotschaft durch Dr. Brillenburg: "Ihr Tumor war bösartig, ein Nierencarcinom, keine Metastasen. Es war allerhöchste Zeit, so zu sagen eine Minute vor zwölf, aber die Prognose ist positiv."
Ich hoffe und vertraue ...


