Ein Job - und wie er mein Leben veränderte - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Drei Monate nach der Geburt ihres zweiten Sohnes beginnt die Künstlerin halbtags als Schwesternhelferin im Kreiskrankenhaus Uelzen zu arbeiten, während ihr Mann noch in Bagdad ist. Es ist eine harte Zeit. Sie pflegt schwerstkranke Frauen - einige bis in den Tod - und manches schreckliche Leiden geht ihr sehr nahe. Und dann erkrankt auch noch ihre Mutter schwerwiegend - die sich eigentlich um das Baby kümmern wollte. Ein Ausspruch Friedrich Nietzsches wird zu ihrem Leitsatz.
Ein Job - und wie er mein Leben veränderte
Das Arbeitsamt bot mir eine Stelle als "Schwesternhelferin" im Kreiskrankenhaus an, ab 2. Januar 1970. Ich griff sofort zu, denn eine Kleinstadt bietet wenig Möglichkeiten. Das Wichtigste: Rimi ging in den hauseigenen Kindergarten. Meine Mutter wollte sich während meiner Abwesenheit bis 13 Uhr 30 um das Baby kümmern. Es kam ganz anders. Kurz vor Weihnachten erkrankte die ganze Familie, außer Faris, an Grippe. Alle genasen schnell, bis auf meine Mutter. Sie bekam eine schwere Bronchitis, Rippenfellentzündung, schließlich Thrombose. Erst nach vier Monaten genas sie langsam.
Wer sollte nun meinen Säugling versorgen? Manchmal sprang unsere Mieterin ein oder meine Mutter wickelte das Kind unter größter Anstrengung auf ihrem Bett. Mein Vater traute sich nicht, ihm war der Umgang mit einem Neugeborenen fremd. Wie gerne hätte ich mich selber um meinen Kleinen gekümmert in Ruhe und Muße, notwendig für sein Wohlergehen. Ich aber mußte um halbfünf aufstehen, Faris füttern und wickeln, Rimi aus dem Schlaf reißen, ihn ankleiden, alles in Eile, denn kurz nach sechs mußten wir los. Um halbsieben begann mein Dienst. Alle zwei Wochen Sonntagsdienst von sechs bis 20 Uhr.
Mein Leitsatz wurde:
"Was mich nicht umbringt, macht mich stark."
Ehe meine morgendliche Tätigkeit begann, hatte ich schon einige körperliche Anstrengung hinter mir. Der Winter 1969/70 war außergewöhnlich schnee- und eisreich. Mit Rimi im Kindersitz hatte ich Mühe, mich auf dem Fahrrad zu halten. Mein Vater stand jeden Morgen früh auf, um mir "Anschubs" zu geben. Ich war dankbar für diesen kleinen Liebesdienst, dann hinein in die Dunkelheit. Zuerst Landstraße ohne Häuser, Bahnunterführung, Chaussee steil bergan. Wenn ich mit letzter Kraft oben angekommen war, sagte Rimi jedesmal: "Den Berg haben wir wieder geschafft, Mama." "Ja," lachte ich, "besonders Du." Nun rechts der Stadtwald, links Villen - das Krankenhaus.
Rimi zum Kindergarten, mich umgezogen, in den ersten Stock gehastet. Gruppe 17 war mein Arbeitsbereich, eine Station mit fast ausschließlich schwerstkranken Frauen. Es gab viel zu tun. Hilfebedürftige waschen, Bettenmachen, Fieber und Puls messen, Frühstück austeilen, abräumen, nach der Visite verschiedene Verordnungen durchführen. Immer in Trab. Gut gegen meine ständige Müdigkeit. Mehrmals in der Woche hatte ich nur drei Stunden geschlafen. Abends war ich überdreht, konnte keine Ruhe finden, nachts schrie mein Baby, wenn es sich beruhigt hatte, war es für mich meistens Zeit aufzustehen. Das Kind spürte meine Anspannung. Ich war erschöpft, bevor meine Arbeit begann. Wenn ich sah, wie sich die Patienten freuten, sobald ich kam, ging es mir gleich besser. Einige pflegte ich bis zu ihrem Tod. Manches Leiden war so erschütternd, daß ich Trauer und tiefes Mitleid empfand.
Wenn ich um halbzwei mit Rimi nach Hause kam, begann meine zweite Schicht: Faris und meine Mutter versorgen, Essen zubereiten, waschen, putzen und später mit den beiden Kindern einkaufen gehen. Wenn ich einen Brief von meinem Mann erhalten hatte, war ich froh, oft aber mußte ich meine Hoffnung auf den nächsten Tag verschieben.
Die Oberärztin und die Schwestern behandelten mich korrekt. Wir sprachen nur über dienstliche Belange. Jeden Morgen nahm ich mit Frau Doktor und der Gruppenschwester das Frühstück im Speisesaal ein. Die beiden unterhielten sich über Kollegen und Patienten, die mir unbekannt waren, deshalb konnte ich mich nicht am Gespräch beteiligen. Ich fühlte mich zunehmend fremd und einsam. Ich würgte mein Brot hinunter, meine Kehle wie zugeschnürt. Oft den Tränen nahe war ich froh, wenn die Pause zu Ende war.
So verstrichen vier Wochen, dann das Wunder: wir drei Frauen gingen zur Station zurück, als Schwester Ulrike sich an mich wandte: "Frau Al Amily, das muß ich Ihnen einmal sagen: wir freuen uns sehr, daß Sie bei uns arbeiten. Wir mögen Sie alle so gern." Ich fiel aus allen Wolken. Diese persönlichen Worte brachen das Eis. Bald entwickelte sich zwischen uns dreien eine freundschaftliche Beziehung.


