Frau Meyer und Faris - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Die Malerin erzählt von der Zeit kurz nach ihrer Heimkehr, hochschwanger, nach Deutschland, zu ihren Eltern nach Uelzen. Ihr Mann reist zunächst zurück in den Irak. In einer Klinik bringt sie ihren zweiten Sohn zur Welt. Dass sie nicht, wie die anderen Mütter, Besuch von ihrem Mann bekommt, schmerzt sie - und dann kommt es auch noch zu einer absurden Behörden-Posse, die sie in große Aufregung versetzt.
Frau Meyer und Faris
Die vier Wochen mit meinem Mann in Uelzen waren trotz Einladungen und Zerstreuungen vom baldigen Abschied überschattet.
Nach Razaks Abreise fühlte ich mich wie Strandgut: keinen Mann, kein Geld, kein eigenes Zuhause und Freunde, die mit sich zu tun hatten.
Meine Eltern ließen sich nicht anmerken, daß wir viel Unruhe in ihr Rentnerleben brachten.
Ich bekam ihr zweites Wohnzimmer, mit Gartenblick, Rimi das Gästezimmer.
Während der ersten Septemberhälfte fuhr er mit Ama und Apa, meiner Schwester und Familie nach Belgien ans Meer. Ich zerstreute die Bedenken meiner Mutter, mich hochschwanger allein zu lassen. Ich hatte ja Klingenbergs oben, unsere netten Mieter.
Wenn es abends dämmrig wurde, beschlich mich jedoch Angst und Unruhe. Ich verschloß alle Türen und Fenster. Wälzte mich schlaflos mit meinem runden Bauch von einer Seite auf die andere, horchte auf Geräusche, spähte durch die Vorhänge in den Garten. Schwarze Nacht. Beim Morgengrauen schlief ich erschöpft ein. - Erleichterung, als meine Lieben wieder daheim waren.
Mein Baby ließ sich Zeit.
Mit vierzehn Tagen Verspätung endlich am [...] Oktober 1969, 10:49 Uhr, brachte ich in der Veerssener Klinik einen gesunden Jungen zur Welt: 4100 g schwer, 56 cm groß, lange schwarze Haare - FARIS !
Mit drei Wöchnerinnen teilte ich das Zimmer, zog mir die Bettdecke über den Kopf, wenn die jungen Mütter Besuch von ihren stolzen, glücklichen Ehemännern bekamen.
Auch ich wurde besucht von Verwandten und Freunden - aber das war nicht dasselbe ...
Mein Vater erledigte die Formalitäten beim Standesamt, jedoch die Beamtin hatte zu viele Fragen, die er nicht beantworten konnte, deshalb suchte sie mich in der Klinik auf. Als sie mir eröffnete, ich dürfte mich nicht AL AMILY nennen, nach arabischem Recht - war ich wie vom Blitz getroffen und verstand die Welt nicht mehr. Vor sechs Jahren hatte ich vor einem deutschen Standesbeamten in Viernheim geheiratet - und nun sollte ich mich "FRAU MEYER, FRAU DES AL AMILY", nennen. Ich heulte und war außer mir. Beim Verabschieden versprach sie, sich an höherer Stelle zu erkundigen. Am nächsten Tag überbrachte mir die Beamtin persönlich die erlösende Botschaft: ich dürfe FRAU AL AMILY bleiben, ganz legal.
Viel Lärm um nichts - ich aber bekam durch die Aufregung eine Brustentzündung ...
Nach neun Tagen durften wir die Klinik verlassen.
Mein Baby schlief die Nächte durch und schien sich wohlzufühlen in seiner neuen Umgebung. Rimi war stolz auf seinen kleinen Bruder.


