Ein Wochenende in Qalat Salih - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Gisela Al Amily unternimmt mit ihrem Mann einen Besuch bei ihren Schwiegereltern in der kleinen Stadt Qalat Salih im Südirak. Erstmals muss sie sich mit einer schwarzen Abaya verhüllen - denn ihr Schwiegervater, Scheich Mohammed, ist geistliches Oberhaupt der Stadt. Ihre Anwesenheit erregt neugierige Blicke bei den Anwohnern, die vermutlich noch nie eine Ausländerin gesehen haben.
Ein Wochenende in Qalat Salih
Ein paar Wochen später besuchten wir die Schwiegereltern. Fünfhundert Kilometer in klimatisiertem Bus auf einem Wüstenhighway. Ab und an kamen Kamele und flache, schwarze Beduinenzelte in Sicht.
Qalat Salih - zum ersten Mal mußte ich mich in meine schwarze Abaya, aus schwerem Atlas, hüllen, ein Geschenk meiner Verwandten. Für mich Verkleidung und Spaß.... Mein Mann ermahnte mich zu Ernsthaftigkeit....
Ein Boot brachte uns über den Tigris. Die Hauptstraße breit und staubig, gesäumt von niedrigen ockerfarbenen Häusern. Dann schmale, verwinkelte Gassen. Vor einem schweren, alten Holztor mit schmiedeeisernem Schloß und ebensolchen Nägeln hielt Razak. Wir waren am Ziel. Wir traten in einen geräumigen Innenhof, freundlich begrüßt von den Eltern.
Scheich Mohammeds Aussehen hatte etwas Prophetenhaftes: langes weißes Gewand, weißer Turban, die Kopfbedeckung des religiösen Würdenträgers. Sein feines Gesicht eingerahmt von weißem Vollbart. Als Oberhirte seiner Stadt war er hochgeachtet. Sein Lebensstil war bescheiden. Er und seine Frau lebten von den freiwilligen Abgaben der Gläubigen. Alles, was über das Lebensnotwendigste hinaus ging, bekamen die Armen.
Mein Schwiegervater zog sich bald zurück. Er versammelte täglich die "Stadtältesten" um sich zur Erörterung irgendwelcher Gemeindebelange und natürlich zum Palawern bei arabischem Kaffee. Auch ratsuchende Männer und Frauen kamen zu ihm.
Während wir uns im Hof niedergelassen hatten, wurden auf dem Dach des Nachbarhauses Frauenköpfe sichtbar. Schnell einen Blick auf die Fremde erhaschen!.... Längst hatte sich die Kunde von unserem Besuch herumgesprochen. Wahrscheinlich hatten sie noch nie eine Ausländerin gesehen....
Viele Einzelheiten unseres Besuches habe ich nicht mehr im Kopf, aber z. B. diese kleine Begebenheit: ich saß mit meiner Schwiegermutter für kurze Zeit alleine im Hof. Sie blickte mich freundlich an und fragte: "Schlonitsch? - Wie geht's?" Ich antwortete genauso freundlich: "Shukran, sehne" - Danke, gut." Nach einer Weile wiederholte sie ihre Frage und ich antwortete, dann strahlten wir uns an. Kurz darauf nach einmal dasselbe. - Wenn unsere Worte auch nichtssagend waren, die Sprache unseres Herzens lag in unseren Augen und unserem Lächeln.
Später machte ich mit Razak einen Rundgang durch den Souk, der eher bescheiden war. - Der Schmuck der Goldschmiede war mehr auf den Geschmack der Fellachen- und Beduinenfrauen zugeschnitten, grob, ihm fehlte der Chique von Bagdad.
Als wir so herumstreiften, wurde uns bewußt, daß eine Gruppe kleiner Bengels uns verfolgte. Sie amüsierten sich. Der Anlaß war sicherlich ich. Womit ich ihnen so viel Vergnügen bereitete, weiß ich bis heute nicht. Mag sein, daß mein Umgang mit der außerordentlich weiten und schweren Abaya so ungeschickt war, daß sie in mir sofort die Fremde erkannten und mein Kampf mit dem Ungetüm sie so belustigte.
Am nächsten Tag fuhren wir wieder nach Bagdad zurück, mit warmen Gefühlen. Ich besonders für meine Schwiegermutter. Ich habe die beiden alten Menschen nie wieder gesehen.


