Die Verwandten - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Die Künstlerin erzählt von ihrer streng religiösen Schwiegerfamilie im Irak, von ungewöhnlichen Gepflogenheiten, von ihrem Leibgericht, ihren Qualitäten als "Friseurin" - und von einem Geheimnis, das ihre Schwiegerfamilie auf keinen Fall erfahren soll.
Die Verwandten
Vorweg eine kurze Erklärung: in arabischen Ländern nennt man Eltern selten bei ihrem Vornamen, schon gar nicht beim Familiennamen. Sie werden als Abu (Vater) und Um (Mutter) des ältesten Sohnes bezeichnet. Falls es keine Söhne gibt, nach der ältesten Tochter. Razak und ich sind also Abu und Um Karim (Rimi ist ein Spitzname).
Abu und Um Djafar sind Razaks Schwager und Schwester. Sie lebten in der heiligen Stadt Nedjef. Ab und zu kamen sie mit einem ihrer erwachsenen Kinder Fadhila, Redja oder Mousse nach Bagdad zum Einkaufen. Dann machten sie auch einen Besuch bei uns. Die Frauen tief verschleiert, in Bagdad ein seltener Anblick.
Wenn mein Mann nicht zu Hause war, geriet ich immer ein wenig in Aufregung. Mein noch so schwaches Arabisch gestaltete unsere Unterhaltung mühsam. Mama Lucy mußte einspringen. Meine irakischen Verwandten wunderten sich über deren Akzent. Wir flunkerten. Sie sei in Ägypten aufgewachsen – deshalb.......Das mit Ägypten stimmte, der Grund für ihren Dialekt: sie war Christin. Christen und Moslems sprechen einen etwas unterschiedlichen Dialekt. Meine religiöse Schwiegerfamilie sollte nicht wissen, daß wir engen Kontakt zu Juden, nämlich unserem Vermieter, und Christen hatten, schon gar nicht, daß ich nicht zum Islam Übergetreten war. - Warum sollten wir ihren Seelenfrieden stören.
Einmal kam meine Schwiegermutter in Bagdad ins Krankenhaus, eines dieser gräßlichen, aber kostenfreien staatlichen Einrichtungen. Sie lag in einem Saal mit unzähligen anderen Frauen zusammen. Die ehemals weißen Bettgestelle abgestoßen, Bettwäsche grau, Nachtschränke schmutzig. Dort begegnete ich zum ersten Mal dieser zierlichen alten Frau, die neun Kinder geboren hatte. Selbst im Krankenzimmer war ihr Haar mit einem schwarzen Tuch bedeckt, nur an einer Seite lugte eine hennarotgefärbte Strähne hervor. - Wir waren einander sofort sympathisch.
Nach ihrer Entlassung kam sie für ein paar Tage zu uns. Auch ihre Tochter Bahia aus Nedjef reist an mit Fadhila und Redja. Sie übernahmen zum Glück das Kochen, denn ich beherrschte noch nicht die Raffinessen der arabischen Küche.
Ich sah bei den Vorbereitungen zu und lernte z. B. Zwiebelhäute, eine nach der anderen zu lösen ohne sie zu zerstören, um sie anschließend mit einer Hack-Reis-Gemüsemischung zu füllen. DOLMA - mein Leibgericht!
Die Frauen beobachteten mich verstohlen und ich sie.
Staunen, als sie z. B. bei den Mahlzeiten Bestecke außer acht ließen, die Speisen mit Hilfe von Fladenbrot oder Daumen und den drei ersten Fingern der rechten Hand zu mundgerechten Portionen formten. Oder, wenn sie sich zur Gebetszeit auch im Hause völlig verschleierten, niederknieten und ihre Häupter bis auf den Boden, nein, bis auf einen flachen Gebetsstein neigten. Wenn sie auf der Toilette statt Papier die spezielle Wasserkanne und die linke Hand benutzten ..... beim Essen ist die Linke tabu.....
Meine Verwandten wiederum wunderten sich über meine Dekoration im Hause, daß wir unsere Mahlzeiten am Tisch und nicht auf einem großen Kupfertablett auf dem Teppich einnahmen. Als die Glocken der nahen Kirche läuteten, fragten sie verdutzt, was das sei.
Schon damals schnitt ich mir zuweilen selber die Haare - meistens recht kurz, jedenfalls für orientalischen Standard. Den beiden jungen Frauen schien es zu gefallen. Auch sie wollten ihr Haar kürzer tragen. Ich durfte die üppige Pracht bearbeiten - welche Lust! Kleine Unebenheiten überspielten Locken und Wellen....
Bibi - Großmutter - ging es besser. Alle reisten ab, der Alltag hatte uns wieder.


