Ein Sommertag - in Bagdad 1967 - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Die Temperaturen in Bagdad steigen im Sommer auf in Deutschland völlig unbekannte Höhen. 50 Grad im Schatten sind keine Seltenheit. Gisela Al Amily schildert, wie sich die Hitze auf sie auswirkte und mit welchen Maßnahmen sie versuchte, diese so erträglich wie möglich zu machen.
Ein Sommertag - in Bagdad 1967
Mittagszeit.
Das Thermometer ist auf 48° im Schatten geklettert.
Gerade habe ich mich zum 4. Male unter der Dusche erfrischt. Nun lasse ich mich lufttrocknen - das geht schnell - und ziehe mir mein leichtestes Kleid an.
Ich setze mich mit einem Buch in unseren Innenhof, den ein dunkles Sonnensegel überspannt. An Lesen ist nicht zu denken. Die Luft ist stickig. Schweiß rinnt mir von der Nase u. von der Stirn in die Augen u. lässt die Buchstaben verschwimmen.
Ich flüchte nach Innen. Alle Fenster sind mit Vorhängen verdunkelt. Ein Ventilator wirbelt die heiße Luft herum, von Kühlung keine Spur.
Aus dem Kühlschrank nehme ich eine Flasche mit Leitungswasser, von dem wir immer einen großen Vorrat dort aufbewahren. Damit der graue Bodensatz nicht aufgewühlt wird, gieße ich vorsichtig ein Glas voll u. stürze es in hastigen Zügen hinunter. Gleich noch ein, zwei Gläser hinterher, wie eine Verdurstende. Augenblicklich springt mir der Schweiß wieder aus den Poren.
Als ich mein Glas abstellen will, stoße ich gegen die Tischkante. Es zerbricht auf dem Terrazzoboden in 1000 Scherben. So habe ich schon viel Geschirr zu Bruch gemacht, weil ich zu matt bin, um meine Muskeln zu kontrollieren.
Ich lege mich auf eine Strohmatte auf dem Fußboden u. schlafe schnell ein. Als ich nach einer Stunde erwache, bin ich wie aus dem Wasser gezogen.
Ich dusche, spritze mit einem Schlauch den Innenhof ab. Erst gegen 17 Uhr wird die Temperatur erträglich. Dann erwacht überall wieder das Leben.
Angenehm sind die Nächte, die früh hereinbrechen. Auf dem Flachdach werden auf den Bettgestellen die Matratzen ausgerollt, darüber ein Laken u. ein zweites zum Zudecken. Ich ziehe es mir über den Kopf gegen die Mücken.
Wenn am frühen Morgen der Muezzin vom Minarett zum Gebet ruft, ist die Welt noch in Ordnung, aber 2 Stdn. später beginnt sich das "Tor zur Hölle" langsam wieder zu öffnen...


