Zur Startseite - Website der Malerin/Künstlerin Gisela Al Amily Zur Startseite - Website der Malerin/Künstlerin Gisela Al Amily Zur Startseite - Website der Malerin/Künstlerin Gisela Al Amily

Weihnachten - Bagdad 1967 - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Malerin Gisela Al Amily erlebt 1967 ihr zweites Weihnachten in Bagdad, das diesmal ein würdiges deutsches Weihnachtsfest zusammen mit den befreundeten armenischen Nachbarn werden soll. Mit viel Erfindungsgeist und Improvisationstalent scheint sie die Herausforderung zu meistern - doch dann die Katastrophe! - Eine wahrhaft "köstliche" Weihnachtsgeschichte.


Weihnachten - Bagdad 1967

Ein langer, heißer Sommer lag hinter uns. Fast übergangslos war Anfang Dezember der Winter angebrochen. Mit Temperaturen um den Gefrierpunkt machte die Kälte uns besonders zu schaffen, nachdem monatelang vierzig bis achtundvierzig Grad Hitze geherrscht hatte.

Unser Haus konnten wir mit einem Kerosinofen heizen und schon hatten wir ein wenig heimatliche Behaglichkeit.

Mit Vergnügen bastelte ich mit unserem kleinen Sohn Rimi Weihnachtsschmuck aus Stroh und Silberfolie. Aus Salzteig wurde ein großer Ring geformt mit vier Vertiefungen für die Kerzen, er wurde mit grünem Band umwickelt und mit roten Schleifen verziert - fertig war der Adventskranz.

Ich backte Plätzchen, stellte Marzipan her und wurde Meisterin im Erfinden und Improvisieren, denn in Bagdad gab es kein weihnachtliches Zubehör, so wie wir es von Zuhause kannten. Ich aber wollte meiner Familie ein richtiges deutsches Christfest bereiten, und dazu gehörte schließlich auch ein Tannenbaum und ein Gänse- oder wenigstens ein Puterbraten.

Schwierig wurde die Weihnachtsbaumbeschaffung. Ich war glücklich, als wir ein kiefernähnliches Exemplar fanden: klein, krumm und etwas zerzaust, aber mit richtigen Nadeln. Einen enormen Puter erstanden wir zu eben solchem Preis - Weihnachten sollte würdig begangen werden.

Auch unsere armenischen Nachbarn wurden dazu eingeladen:
Mama Lucy, Abu Leon, die drei erwachsenen Kinder Shake, Leon und Aram sowie ihre Tante Mari.

Mit Eifer stürzte ich mich in die Festmahlsvorbereitungen. Als ich gerade dabei war, den Puter mit Äpfeln und Rosinen zu füllen, kam Mama-Lucy herüber. "Hast du auch den Magen des Tiers entfernt?" Was für eine Frage! Gewiß, nicht nur den, sondern auch Herz und Leber...

Der gefüllte Vogel kam in den Ofen und schmurgelte dort für Stunden, ab und zu begoß ich ihn mit Bratensaft. - Je brauner er wurde, um so mehr schwoll ihm die Brust.

Bald trafen die Nachbarn ein und standen erwartungsvoll um unseren Eßtisch herum, während ich mich in der Küche abmühte, den schweren, heißen Puter auf einen großen Teller zu bugsieren. - Geschafft. - Unter Beifall der Gäste stellte ich den prächtigen Braten, so knusprig und köstlich duftend, auf den Tisch. Das erste und beste Stück hatte ich Abu Leon, dem nachbarlichen Familienoberhaupt zugedacht. Ich setzte das Messer an der oberen Brustseite an und machte einen tiefen Schnitt....

Was war das ?! Grau-braune Körner quollen aus der Öffnung. Wo kamen die denn her? Mich packte Entsetzen. Im Erdboden versinken!...

Plötzlich dämmerte mir, was Mama-Lucy mit "Magen" gemeint hatte:

den KROPF!

Während ich noch um Fassung rang, hatte meine Nachbarin die Situation erfaßt. Sie schnappte die Platte mit dem Vogel, eilte in die Küche und entfernte mit geschicktem Griff den ekligen Kropf mit dem Körnerbrei. Blitzschnell stand der Braten wieder auf dem Tisch, noch ehe die anderen recht begriffen hatten, was passiert war.

Nun folgte ein herrliches Schmausen. Alle waren begeistert. Tante Mari flüsterte mir mit vollem Mund kichernd ins Ohr:

"Ich dachte zuerst, das wäre deutsche Füllung...."