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Villegly - 2. Teil - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

1995 trennt sich Gisela Al Amily nach über drei Jahrzehnten Ehe von ihrem Mann und muss sich völlig neu orientieren. Sie spielt mit dem Gedanken, noch einmal als Au-pair nach Frankreich zu gehen, doch bei der Vermittlungsstelle lacht man, als sie ihr Alter nennt. Als sie sich zunehmend mit Frankreich beschäftigt, versucht sie, ihre damalige Au-pair-Familie ausfindig zu machen, zu der der Kontakt abgebrochen ist. Und es erwacht der Wunsch in ihr, noch einmal in "ihr" Dorf zurückzukehren - Villegly.


Villegly - 2. Teil

Achtzehn Jahre war ich mit den de Gramonts (meiner ehemaligen Au-pair-Familie) in Briefkontakt, dann verloren wir uns aus den Augen. Sie waren zwei oder dreimal umgezogen, bei mir kamen Ortswechsel Schlag auf Schlag.
In London hatte ich 1961 meinen Mann kennengelernt, danach Hamburg, Viernheim-Bagdag-Uelzen-Kaltenkirchen-Hamburg-Uelzen-Saudi Arabien-Uelzen-Hamburg.
1965 und '69 wurden unsere Söhne Rimi und Faris geboren.
1995 trennte ich mich von meinem Mann nach 32 Ehejahren.

Nun galt es, mich neu zu orientieren.
Noch einmal au-pair nach Frankreich? - Bei der Vermittlungsstelle in Frankfurt lachte man über meine Anfrage, als ich mein Alter nannte. Nun, dann wollte ich wenigstens meine Sprachkenntnisse wieder aufpolieren. Ich las wieder häufiger französische Literatur, und fand eine Brieffreundin, ehemalige Lehrerin, 76 Jahre alt, aus Rouen, Normandie, schließlich wollte ich irgendwie die de Gramonts ausfindig machen.

Bei der Telefonauskunft schöpfte ich alle Möglichkeiten aus:
Grenoble, ihr letzter mir bekannter Wohnsitz: kein Anschluß, Villegly auch nicht, aber Charavines.

Zunächst nahm ich brieflich Kontakt auf. Nach einigen Wochen bekam ich Antwort von Monsieur de Gramont aus Toulouse, dem jetzigen Wohnsitz. Mein Brief war ihm von Verwandten nachgesandt worden.
Er entschuldigte sich wegen seines verspäteten Schreibens, sei gerade wegen einer Operation aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er habe sich sehr über mein Lebenszeichen gefreut, müsse mir aber die traurige Mitteilung machen, daß seine Frau vor 6 Monaten gestorben sei. Er erzählte von den Kindern und Enkeln und vom Verkauf des Schlosses 1980 an den Conseil Générale.

Über die Todesnachricht war ich tief betroffen und bedauerte, nicht eher geschrieben zu haben, da das Ergebnis meiner Nachforschungen schon mehr als ein halbes Jahr in meiner Schublade gelegen hatte....

Zunehmend wuchs in mir der Wunsch, "mein" Dorf wiederzusehen.

1997 schrieb ich an den dortigen Bürgermeister, erzählte ihm meine Geschichte und bat ihn mir bei der Quartiersuche behilflich zu sein. Prompt schickte er mir die Adresse des einzigen Ferienhausvermieters im Ort: Monsieur Cabot. Auch ihm teilte ich den Grund meines Interesses an Villegly mit. Meinem Brief fügte ich noch ein Schwarz-weiß-Foto bei, das ich 1960 dort von 4 Frauen aufgenommen hatte, die handarbeitend vor einem Haus saßen.

Auch M. Cabot ließ umgehend von sich hören. Sein Haus sei leider zu dem von mir gewünschten Zeitpunkt besetzt. Dafür schickte er mir die Adresse eines Schafbauern bei Salsigne, 18 km von Villegly entfernt. Das Bild hatte er der einzigen noch Lebenden der 4 Frauen, Madame Abat, zukommen lassen.

Mit Elisabeth und André Lafage, so hießen die Schafzüchter, kam ich überein, daß meine vier Freundinnen (Helma, Vilma, Doris und Angelika) und ich für vierzehn Tage den dortoir (Schlafsaal) mit 6 Etagenbetten bewohnen konnten, 25,- DM pro Person und Übernachtung, Frühstück inklusiv. Das Abendessen, falls gewünscht, für noch mal den gleichen Betrag. Wir hatten einen Malerurlaub geplant und meine Freundinnen waren begeistert von der ausgefallenen Art der Unterbringung.... Ich allerdings hatte geheime Zweifel, wenn mir die scheußlichen Jugendherbergsschlafsäle meine Jugendzeit in den Sinn kamen...

Alle Vorbereitungen lagen in meiner Hand. Die Liegewagenbuchung zu günstigen Preisen bei TUI für den Zug Hamburg - Narbonne, kleine Mitbringsel für unsere Gastgeber und Mme. Abat, der ich schon einen Besuch in Villegly angekündigt hatte, das Besorgen sämtlicher Malutensilien und die Telefonate nach Salsigne. Auf meine Frage nach Fahrrädern war M. Lafage sogar bereit, sie extra für uns anzuschaffen.

Da mein eigentliches Anliegen ist, über Villegly zu schreiben, will ich mich kurzfassen über unseren Aufenthalt auf dem Bauernhof. Nur so viel sei gesagt:
entgegen meiner Befürchtungen waren der Schlafsaal und dazugehöriges Bad sehr sauber, unsere Wirtsleute außerordentlich liebenswert, besonders Elisabeth, die uns und andere Gäste jeden Abend auf das köstlichste bekochte. Das dîner nahmen wir immer an einer langen, hübsch-gedeckten Tafel ein mit allen Gästen und Familienmitgliedern.

Der Hof lag einsam am Fuße der Montagne Noire, 3 km von Salsigne, einer Goldmine, entfernt auf einem Hügel, eingebettet in eine Mulde.

Es war ein unvergeßlicher Urlaub mit viel Lachen, Malen, Wein, köstlichem Essen und Fahrradtouren.
Eine davon führte uns in das 18 km entfernte Villegly.

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Hier endet die Erzählung. Eine Fortsetzung konnte im Nachlass der Malerin nicht gefunden werden. Es existiert jedoch ein handschriftlicher Text auf Französisch, von dem sich ein Teil als kurze Fortsetzung eignet. Die deutsche Übersetzung dieses Teils folgt nun.

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1997 verbringe ich mit vier Freundinnen einen Urlaub in der Nähe von Salsigne, auf einem Schafbauernhof, 20 km von Villegly entfernt.

Eines Tages machen wir bei brennendem Sonnenschein eine Radtour dorthin.

Wie vor 37 Jahren sehe ich einige Frauen vor ihren Häusern sitzen, strickend und plaudernd. Ich erkenne Noëlle, die ehemalige Köchin des Schlosses, ihre Mutter und Frau Abbat, eine Nachbarin.

Als ich mich vorstelle, empfangen sie uns mit großer Freude. Frau Abbat lädt uns auf ein Gläschen Likör ein, dann begleitet uns ihr Mann zum Schloss, wo er gut bekannt ist. Nachdem er mich dem Verwalter des Schlosses vorgestellt hat, darf er uns herumführen. Wir sind begeistert, vor allem ich.

Die meisten Räume und Zimmer sind schön restauriert und dekoriert, früher waren sie eher düster. In meinem Zimmer befinden sich keine Möbel, außer dem alten Spiegel, und Elisabeths Zimmer sieht trostlos aus.

Ich bin voller Freude, meine Erinnerungen an meine Jugend kommen zurück.

Der Park ist sehr schön geworden. Früher war er verwildert und geschlossen.