Villegly - 1. Teil - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Gisela Al Amily lebt 1960 als Au-pair-Mädchen in Paris bei einer adligen Familie und fühlt sich dort sehr wohl. Im Sommer machen sie gemeinsam drei Monate Urlaub, unter anderem bei den Großeltern in Villegly, einem kleinen Ort in Süd-Frankreich. Immer wieder ist von einem "Château", einem Schloss, die Rede, was die Künstlerin für die übertriebene Bezeichnung des Elternhauses hält. Doch groß ist ihre Verwunderung, als sie später vor einem richtigen, stattlichen Schloss steht, dem Château de Villegly. Dort verbringt sie eine aufregende, schöne Zeit, die sie viele Jahre später zu mehreren Bildern inspiriert.
Villegly - 1. Teil
Im März 1960 wurde ich Au-pair-Mädchen bei den de Gramonts in Paris, Rue Scheffer, nahe dem Palais de Chaillot, im vornehmsten Viertel, dem Seizième. Die Familie bewohnte ein kleines Appartement im ersten Stock - Wohnraum war knapp und teuer - ich hatte mein Zimmer im siebten, Chambre de bonne, liebevoll mit Antiquitäten eingerichtet. Der Aufstieg war jedesmal eine sportliche Übung.
Ich betreute die Kinder Marie-Hélène und Bertrand (5 und 2 1/2 ) und half im Haushalt. Um die Mittagszeit besuchte ich täglich die Alliance Française (Sprachenschule), die ich nach eineinviertel Jahren mit Auszeichnung abschloß. Zwei deutsche Mädchen aus meiner Klasse - Karin und Anke - wurden meine Freundinnen und sind es bis heute geblieben.
Ich hatte auch einen Freund, den ich 4 Jahre zuvor (1956) im Internationalen Club kennengelernt hatte, als ich meine Freundin Hermine in Paris besuchte: SYLVAIN. Er wurde später Herzspezialist und ist jetzt der Arzt von Anke, die für immer dort blieb, weil sie einen Franzosen geheiratet hatte.
Bei den de Gramonts fühlte ich mich sehr wohl, denn ich wurde wie ein Familienmitglied behandelt. Überhaupt war meine Zeit in Frankreich außerordentlich glücklich und interessant.
Während des Sommers war ich drei Monate mit ihnen im Urlaub. Acht Wochen in Charavines, in der Gegend von Grenoble, wo die de Montgolfiers, Familie meiner Madame, ein großflächiges Anwesen besaß.
Einen Monat verbrachten wir in Villegly, einem Dorf, zwölf Kilometer nördlich von Carcassonne. Hier war "mein Monsieur" zuhause.
Schon vor unserer Reise wurde dieser Ort öfter erwähnt, auch von einem "Château" (Schloß) war die Rede. Ich nahm an, daß es die liebevoll-übertriebene Bezeichnung seines Elternhauses sei. Wie groß aber war mein Staunen, als wir im August (1960) in das kleine Dorf kamen, in dessen Mittelpunkt tatsächlich ein Schloß stand ...
"unser" SCHLOSS!
Ein hohes, schmiedeeisernes Tor führte in einen kopfsteingepflasterten Innenhof. Die Mauern des Gebäudes waren aus groben, unregelmäßigen Sandsteinen gebaut. Für Sekunden versetzte mich meine Phantasie Jahrhunderte zurück. ... Pferdegetrappel, Edelleute ritten in den Hof ein ... doch gleich hatte mich die Wirklichkeit wieder. Durch ein ebenfalls schmiedeeisenverziertes Portal traten wir in einen langen, breiten, mit Marmor schachbrettartig gefliesten Flur, an dessen Ende die Flügeltür zum Park lag.
Eine weite Steintreppe führte in eine geräumige Halle, die wie ein Innenhof inmitten anderer Räume lag, offen bis über die zweite Etage, wo sie mit einem Glasdach abschloß. Im ersten Stock war sie von einer Galerie umgeben, die in die Schlafgemächer führte.
Unter einem reichgeschmückten Türbogen gelangten wir in das Speisezimmer, in dessen Mitte ein etwa vier Meter langer Eßtisch stand, an einer Wand eine schwere Anrichte. Ein mehrarmiger elektrifizierter Lüster, an dem nur einige Kerzen brannten, verlieh dem Raum eine trübe Atmosphäre, zumal vor sämtlichen Fenstern die Läden geschlossen waren gegen die Augusthitze.
Wir wurden von den Schloßbewohnern, den de Gramonts senior empfangen: Madame, Mitte sechzig (64), vornehme Blässe, umrahmt von aschblondem Haar, zurückhaltend freundlich. Monsieur, Anfang siebzig (72), von allen "le Colonel" genannt, war von mittelgroßer, schlanker Gestalt. Ein buschiger grauer Schnurrbart überwucherte seine Oberlippe. Seinem braungebrannten Gesicht sah man an, daß er sich viel in Sonne und Wind aufhielt. - Beides gibt es reichlich in Südfrankreich.. - Aus seinen Augen strahlte Wärme, was ihn mir sofort sympathisch machte. Er sah nicht aus wie der Seigneur eines Schlosses und Weingutes, eher wie ein Bauer. Hochmut war ihm fremd. Zu mir war er immer sehr freundlich, zeigte mir den Weinkeller mit den riesigen, 350 hl fassenden Eichenfässern, nahm mich mit in den gruseligen Schloßkeller, als er eine alte, völlig zugestaubte Flasche wein holen wollte oder führte mich in den Turm, in dem ein deutscher Kriegsgefangener an die Wand gekritzelt hatte: "Hier habe ich die beste Zeit meines Lebens verbracht."
Wir aus Paris blieben nicht die einzigen Besucher. Auch Herr und Frau Jalenques, sie Schwester meines Monsieurs, mit ihren zwei kleinen Mädchen und Jaqueline, die jüngste Schwester, reisten an. Besonders froh war ich über die Ankunft von Elisabeth, Studentin aus Wien, die während ihrer Semesterferien auf die Jalenques-Kinder aufpassen wollte.
Wir bewohnten zwei durch eine Tür verbundene ehemalige Schlafgemächer der Demoiselles, mit Blick auf den verwilderten Park. Jede hatte ihr eigenes Wasch- und Ankleidezimmer - nur fließendes Wasser gab es nicht darin. In meinem Zimmer stand ein antiker Schreibtisch und über dem weinroten Marmorkamin hing ein pompöser, goldgerahmter Spiegel, der fast so blind war, wie der Parkettfußboden. An andere Möbel erinnere ich mich nicht, außer an mein Bett und das des kleinen Bertrand, der mit mir den Raum teilte.
Elisabeth und ich wurden schnell Freundinnen. Wir hüteten gemeinsam die Kinder und badeten sie abends in der provisorischen "Allzweckküche" , in der nicht nur ein Herd, sondern auch eine Badewanne stand. Die echte Schloßküche lag im Parterre und wurde nicht mehr benutzt. Sie hatte einen riesigen mittelalterlichen Kamin, wo man über offener Flamme einen Kessel anhängen oder einen großen Spieß einschieben konnte. An den Wänden hingen Kupferpfannen- und Tiegel. Ein düsterer Raum, aber hochinteressant, fand ich.
Während wir abends die Kinder bettfertig machten, hörten wir immer über uns ein Hin-u.-Herrennen, als ob Hunde sich jagten. Schnell Fanden wir des Rätsels Lösung: RATTEN!
Die schien es massenhaft zu geben, konnten sie sich doch in den meisten der vierundvierzig Räume ungestört tummeln, da wenige nur genutzt wurden. Die Fallen und Gifthäufchen unter den Schränken richteten offensichtlich wenig aus. Oft war das Obst auf der Anrichte angenagt.
Einmal, während des Abendessens, schienen einige Ratten in der Halle miteinander zu kämpfen. Sie veranstalteten ein abscheuliches Gequietsche und Geschrei. Ich war so entsetzt und in Panik, daß ich spontan auf meinen Stuhl stieg, zum Gelächter der ganzen Tafelrunde.
Wenn die Kinder im Bett waren, spielten wir beiden Au-pair-Mädchen Tischtennis in der Orangerie, oder wir streiften durch den Park, saßen auf einer Bank, plauderten und rauchten.
Wenn wir uns einmal wie Edelfräuleins fühlen wollten, setzten wir uns in den "Salon blanc", den weißen Salon. Ich fand ihn königlich ... Von der Decke hing ein prächtiger Kristall-Lüster. Alle Stuhl- und Sesselüberzüge in "Petit Point" bestickt, weiß, mit jeweils einem mehrfarbigen Bild in der Mitte. Stuhl- und Tischbeine in weiß und gold.
Manchmal saßen wir auch im Fumoir (Rauchsalon) zusammen mit einigen aus der Familie, unterhielten uns oder lasen. Ich war gefesselt von einem Buch mit Gruselgeschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhten. Hier eine, die sich in einem Schloß zugetragen hatte:
- Bei einer Hochzeitsfeier wurde mit der ganzen Gesellschaft Verstecken gespielt. Irgendwann waren alle aufgespürt worden, einzig die junge Braut war nicht zu finden. Alle riefen und suchten nach ihr - nichts. Wie vorn Erdboden verschluckt. Sie blieb verschwunden - für immer.
Nach vielen Jahren sollte das Schloß wieder einmal den Besitzer wechseln. Bei der Besichtigung lehnte sich der Interessent während einer Unterhaltung an eine Wand, als diese plötzlich nachgab. Geistesgegenwärtig riß ihn jemand zurück. Durch die Öffnung konnten sie in eine Gruft schauen und sahen schemenhaft eine Gestalt, die an einem Tisch saß, den Kopf in die Arme gebettet. Es war eine Frau in einem Hochzeitsgewand ... Sie war mumifiziert und völlig von Staub überzogen. Die verschwundene Braut ... Sie mußte bei dem Versteckspiel durch die Falltür gestürzt sein, die sich hinter ihr von selber schloß und nicht mehr öffnen ließ. Auch war das Verlies so gebaut, daß kein Laut nach außen drang. -
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Es schauderte mich, wenn ich nach dieser Lektüre im Bett lag, irgendwo ein Uhu rief und der Wind die Fensterläden rüttelte, daß das Geklapper in den alten Gemäuern widerhallte.
"Unser" Schloß war -an etlichen Stellen stark sanierungsbedüftig. Das Glasdach über der Halle war an mehreren Stellen defekt. Bei Regen rannten wir, um den wertvollen runden Tisch mit einer Plane abzudecken und Schüsseln unter die Tropfstellen zu schieben. Ein Jammer!
Die Parkettfußböden waren in fast allen Räumen, die ich kannte, stumpf und grau. Manchmal fegten Elisabeth und ich die Schlafzimmer, eine Putzfrau habe ich nie gesehen, aber eine Köchin: Noelle, ein paar Jahre älter als ich. Sie kam jeden Mittag, um für uns alle zu kochen.
Ich ahnte, daß der Erhalt dieses großen Besitzes horrende Geldsummen verschlang, dazu noch die ungeheuer hohen Steuern. Wie sollte der Colonel das alles aufbringen?!
Von einem Erlebnis muß ich unbedingt erzählen:
Es war Mitte August, die Zeit der Dorffeste im Süden. Die ganze Familie wollte zu so einem Anlaß Verwandte besuchen, über Nacht. Elisabeth und ich blieben allein zurück. Mein Monsieur nannte uns noch die neun Türen, die wir abends abschließen sollten und dann fuhren alle davon.
Wir begannen frühzeitig mit dem Schlüsseldienst und wollten uns danach einen richtig gemütlichen Abend machen. Jede streckte sich auf einem Sofa im Fumoir aus. Ein bißchen Wein, Zigaretten und Erzählen. Dabei verging die Zeit. In unserem Raum wurde es dämmerig. Die großen Bäume im Park nahmen ihm das Licht.
"Haben wir auch keine Tür vergessen?" fragte ich und zählte an meinen Fingern nach. Ich kam bis acht. Bei neun sprang ich auf. "Die Tür zum Küchengarten!" - Ausgerechnet d i e . Da unten war es immer so düster. - Plötzlich wurde uns bewußt, daß wir ganz alleine in diesem riesigen Gebäude waren. "Los, stellen wir uns nicht albern an, geh'n wir!"
Als wir oben auf der breiten Steintreppe standen, nur von einer trüben Funzel beleuchtet, und in die Dunkelheit hinunterschauten - keine Ahnung, wo sich der Lichtschalter befand - gab ich als erste auf. "Mich kriegst du da nicht runter, wer soll schon durch die Küchengartentür kommen?!" - Wir machten kehrt und nahmen wieder unsere gemütlichen Plätze ein.
Allmählich war es richtig dunkel geworden. Elisabeth zündete eine Kerze an. Der Park lag wie ein schwarzes Tuch vor uns, hier und da noch ein Fleckchen nachtgrauer Himmel. Der Vent marin, der Wind vom Meer, fegte durch die Bäume und ließ die Blätter rauschen. Er warf sich gegen die Fensterläden, die unaufhörlich gegen die Mauern schlugen. Unwillkürlich strich ich mir, obwohl es warm war, fröstelnd über die nackten Arme. Unbehagen. -
Eine Weile hing jede ihren Gedanken nach.
Plötzlich fuhr meine Freundin hoch: "Da war ein Licht, ja, ich habe einen Lichtschein gesehen im Park!" - "Oh Gott, und die Tür ... !" Meine Kehle wurde trocken. Unsere Augen bohrten sich in die Dunkelheit. Wir horchten angespannt. - Nur schwarze Nacht und der Vent marin. Allmählich beruhigten wir uns wieder. Wir versuchten krampfhaft, unbefangen zu plaudern. Inzwischen war es nach elf geworden.
Plötzlich ein Poltern, als stolpere jemand die Treppe herauf.
Schreckensbleich sprang jede von ihrem Sofa und starrte gebannt in Richtung Tür. - Gleich, gleich mußte jemand um die Ecke kommen. - Mein Herz schlug bis zum Halse, ich konnte kaum atmen. Elisabeths Fingernägel krallten sich in ihre Wangen. Wie versteinert erwarteten wir das Schlimmste. – Nichts - auch nach zwanzig Minuten nichts.
Schließlich setzten wir uns wieder und begannen zögernd unsere Unterhaltung im Flüsterton. - "Ob das vielleicht Ratten waren? - und das Licht? vielleicht von einem Auto von der Straße??" - Es rührte sich nichts mehr im Schloß, dafür begann es draußen heftig zu regnen. Auch D A S noch! Das bedeutete: Plane und Schüsseln aus einem Hinterzimmer holen. - Ich ließ meiner Freundin den Vortritt - bis sie sich plötzlich nach mir umdrehte und mich anzischte: "Komm, du Feigling!" - Mit fliegenden Händen genügten wir unserer Pflicht. Danach hasteten wir die finstere Wendeltreppe hinauf bis zur Galerie, dann mit einem Satz hinein in mein Zimmer. Erstmal Türen verriegelt und alles kontrolliert: Ankleidezimmer, unterm Bett, Schreibtisch. Niemand.
- Bah, das hatten wir überstanden! Nun hockten wir beide auf meinem Bett, hielten mühsam unser Gespräch in Gang und warteten auf Tages Anbruch ...
Ende August verließ ich Villegly, mit Elisabeth bin ich noch immer in Verbindung.
Für die Geschichte des Schlosses und seiner Bewohner hatte ich mich damals noch nicht so sehr interessiert - das sollte sich erst siebenunddreißig Jahre später ändern ...


