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Brief an den Bürgermeister von Uelzen - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Am 8. März 1998 wendet sich Gisela Al Amily in einem Brief an den Bürgermeister ihrer Heimatstadt Uelzen, Günter Leifert. Darin beschreibt sie, wie sie Zeugin wurde, als während des Kampfes um Uelzen 1945 zwei ihrer Nachbarn unter höchster Lebensgefahr das Leben eines durch Artilllerie schwer verletzten Mannes retteten, und sie regt eine postume Ehrung der beiden an. Nach einem Austausch mehrerer Briefe mit dem Bürgermeister wird die das Ereignis schildernde Passage aus diesem ersten Brief der Künstlerin von der Pastorin Esther Insel, während einer Ansprache zum Volkstrauertag am 15.11.1998, am Mahnmal für die Kriegstoten im Uelzener Stadtwald, vorgelesen.


Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

seit 53 Jahren denke ich immer wieder einmal an eine Begebenheit, die sich am ersten Tag des Beschusses von Uelzen 1945 ereignet hatte.

Damals war ich ein Kind von 9 Jahren, jetzt bin ich dabei für meine erwachsenen Söhne die Chronik meines Lebens aufzuschreiben, besonders die Zeit des Krieges und des Beschusses meiner Geburtsstadt. Bei dieser Gelegenheit bin ich wieder einmal und besonders eindringlich an das Geschehen des obigen Tages erinnert worden:

Unsere Familie wohnte damals in der Horst-Wessel-Str. 8 (heute Friedrich-Ebert-Str.), das erste Haus (damals), wenn man von den Ratswiesen kam.

Als der Beschuss bereits in vollem Gange war, schrie jemand: "Da liegt ein Mann auf der Straße!" Dieser, ein Bewohner der früheren "Herberge zur Heimat" (heute Wichernhaus, Niendorferstr.), war von dem Artillerieangriff überrascht worden. Ein Granatsplitter hatte ihm ein Bein fast abgerissen. Er lag am Ende unserer Straße unter einer großen Kastanie am Wassergraben.

Die Bewohner der nächstliegenden Häuser standen in ihren Eingängen. Niemand wagte sich zu ihm vor.

Da holte unser Nachbar, Hermann (?) Hilmer (damals Horst-Wessel-Str. 10) eine Leiter und Wolldecke und rannte mit seiner ältesten Tochter Lieschen Hilmer dem Mann zur Hilfe. Unter andauerndem Artilleriefeuer trugen sie den Verletzten quer durch die Stadt, von der Horst-Wessel-Straße bis zum damaligen St.-Viti-Krankenhaus. Die beiden Helfer kamen, Gott sei Dank, unversehrt zurück. Dem Verwundeten wurde das Bein amputiert, aber er überlebte, und das, weil zwei Menschen, unter Einsatz ihres eigenen Lebens, ihn gerettet hatten.

Inzwischen sind Vater und Tochter viele Jahre tot. Wahrscheinlich aber lebt noch die Schwester von Lieschen: Gertrud, verheiratete Berggold oder Goldberg, Friedrich-Ebert-Str. 10. auch hatte Lieschen einen Sohn Henning, über dessen Verbleib ich nichts sagen kann.

Die Idee meines Schreibens an Sie verbindet sich mit einem großen inneren Bedürfnis, diesen zwei mutigen, selbstlosen Menschen auch nach 53 Jahren noch zu einer angemessenen Würdigung ihres freiwilligen Einsatzes auf Leben und Tod zu verhelfen.

Deshalb wende ich mich an Sie mit der Bitte, Vater und Tochter Hilmer in irgendeiner Form ein ehrendes Denkmal zu setzen.

Mein Vorschlag z. B.: das Stück Straße - (entlang dem Wassergraben - wenn es den noch gibt) von der Albertstr. bis zur Hambrocker Str. nach den beiden zu benennen oder an jener Stelle, wo sie den Verletzten geborgen hatten, eine Gedenktafel zu errichten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie etwas in der Angelegenheit unternehmen würden!

Mit freundlichen Grüßen

Gisela Al Amily

P.S. Umseitig nenne ich Ihnen noch die Adressen von Zeitzeugen:

Mein Bruder Ulrich Meyer
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Meine Schwester Sigrid Böckhoff, geb. Meyer
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Rolf Meine
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Gertrud Goldberg (od. Berggold)
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