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Der Tisch - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Gisela Al Amily schätzte antike Möbel, antiken - vor allem arabischen - Silberschmuck und andere alte Gegenstände, auch wenn - oder manchmal gerade weil - diese teilweise erhebliche Abnutzungsspuren aufwiesen, und sie interessierte sich für die Geschichten dahinter. Hier erzählt sie von einem alten Tisch, den ihr Großvater gefertigt hatte und der nach dem Krieg für ihre zerstörte Schule gespendet wurde.


Der Tisch

Es war ein Tisch aus hellem, polierten Eschenholz. Rechteckig, auf hohen, gedrechselten Beinen. Unter der Tischplatte eine Schublade mit einem Porzellanknauf. Ein elegantes Möbelstück. Sein einziger Fehler: Holzwürmer.

Als nach dem Krieg dringend Tische und Stühle für meine zerstörte Schule benötigt wurden, spendeten meine Eltern leichten Herzens das wurmlöcherige Stück, das einst mein Großvater um 1875 selbst gefertigt hatte. Er war Tischlermeister.

Der alte Tisch wurde Katheder. Studienrätin Fartmann stapelte stets sorgfältig ihre Bücher u. Hefte darauf. Gelegentlich strich sie mit ihren gepflegten Händen über die blanke Tischplatte.

Studienrat Thiede hingegen setzte sich während des Unterrichts oben drauf und schlug auch mal, um sich Gehör zu verschaffen, mit dem Zeigestock auf das Holz.

In den Pausen bekam der Tisch manchen Stoß von den Schülern und bald verunzierten ihn Kratzer u. Tintenflecke.

Die Zeiten besserten sich. Es wurden neue Schulmöbel angeschafft u. unsere Spende verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Heute wäre ich glücklich, ihn zu besitzen.

 

 

13.4.2000