Eine Zugfahrt nach Molzen 1946 - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Gisela Al Amily ist zehn Jahre alt, als sie 1946 mit dem Zug zu ihrer Tante nach Molzen fährt, deren Haus im Krieg zerstört wurde. Kurz vor Molzen bremst der Zug plötzlich scharf und kommt zum Stehen. Aufgeregtes Rufen. Ein Mann soll sich vor den Zug geworfen haben. Als die Künstlerin, am Ziel angekommen, davon berichtet, wird sie von einem befreundeten Bauernmädchen überredet, zum Ort des Geschehens zu gehen ...
Eine Zugfahrt nach Molzen 1946
Ich war zehn Jahre alt, als ich an einem Sommertag im Zug von Uelzen nach Molzen saß, einem Dorf etwa fünf Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt. Ich wollte Tante Luise besuchen, die nach ihrer Ausbombung Unterkunft auf einem großen Bauernhof gefunden hatte. Ich war gern bei ihr, denn es gab für mich als Stadtkind viel zu entdecken, außerdem hatte ich schon bei meinem ersten Besuch Freundschaft mit der Tochter des Hofeigners geschlossen. Wir waren gleichaltrig.
Der Zug rumpelte durch Wiesen und Felder. Als die ersten Scheunen in Sicht kamen, holte ich mein Köfferchen von der Ablage. Gerade in diesem Augenblick wurde der Zug scharf gebremst und kam nach wenigen Sekunden zum Stehen. Ich purzelte samt Gepäck auf den Boden. - Was war passiert? Wir hatten doch Molzen noch nicht erreicht. Ein Mitreisender stürzte ans Fenster, schob die Scheibe herunter und lehnte sich weit hinaus, schaute flink nach rechts und links, dann schien sein Blick etwas zu fixieren. Zu gerne hätte ich gewußt, was es zu sehen gab ...
Schon war auch das andere Fenster besetzt. Eine dicke Frau zwängte ihren Oberkörper durch die Öffnung. Stimmen wurden laut, aufgeregtes Rufen. Ich versuchte in einem anderen Abteil einen Ausguck zu er gattern - zu spät - alle Fenster waren umlagert. Neugierig fragte ich eine Frau, was passiert sei. - Ein Mann sei vor den Zug gesprungen und überrollt worden, antwortete sie mit schaudernder Stimme. Erschrocken ging ich auf meinen Platz zurück. Nach einer Viertelstunde setzte sich der Zug in Bewegung und erreichte in wenigen Minuten den Bahnhof von Molzen, wo ich Tante Luise aufgeregt von dem schrecklichen Zwischenfall erzählte.
Als Helga, das Bauernmädchen davon hörte, überredete sie mich, mit ihr in die Nähe des Unglücksortes zu gehen.
Kurz davor hielt ein Polizist uns auf. Helga log, wir müßten zu ihrem Vater aufs Feld. Wir durften passieren und rannten durch eine Bahnunterführung. Als wir uns weit genug entfernt glaubten, riskierten wir einen Blick zurück. Oben auf dem Bahndamm, parallel zu den Gleisen, lag ein Mann in dunkelgrüner Kleidung - ohne Kopf ...
Noch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert danach, hat diese grausige Szene in meiner Erinnerung nichts von ihrer Intensität verloren ...


