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Zwiegespräch mit meinem Vater - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Im Jahr 2000 beschäftigte sich die Künstlerin intensiv mit der Geschichte ihres Vaters in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und legte hierüber einen Ordner an. Einige Zeit vorher hatte sie das Buch "Der Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn gelesen, das sie tief beeindruckt hatte. In diesem Zusammenhang verfasste sie ein fiktives Zwiegespräch mit ihrem Vater. Hierzu schrieb die Malerin: "Das 'Zwiegespräch' zwischen meinem Vater und mir ist entstanden aus seinen Notizen, Briefen seiner Kameraden und meiner Erinnerung an seine Erzählungen."


Zwiegespräch mit meinem Vater

Gebannt schaue ich auf seine Lippen. Er unterbricht seine Erzählung und schaut in die Ferne, als sehe er noch einmal den Ort seiner Gefangennahme am 8. Mai 1945 in der Gegend von Deutsch Brod/Tschechei.

"...und dann?" frage ich gespannt.

"Am 11. Mai wurden wir nach Chrudim verfrachtet. Dort lagen wir auf einem Sportplatz unter freiem Himmel bis zum 18. Mai. Dann marschierten wir nach Parduwitz. Dort war alles überfüllt, so daß wir zunächst etwa drei Tage auf dem Kasernenhof lagerten, danach zogen wir auf den Kasernenboden.

Am 26. 5. abends wurden wir in Güterwaggons zu je 50 Mann verladen. Am 29. 05. erreichten wir Auschwitz und marschierten ins Lager. Das KZ war bereits aufgelöst. Nun war es überfüllt durch Kriegsgefangene. Wir lagen im Neubau einer Waschanstalt (laut Bericht des Kameraden Kummetat). Am 31. Mai 1945 wurden wir per LKW nach Krakau befördert.

Wir 300 Gefangenen wurden in einem alten Fort untergebracht. Sofort mußten wir Uhren, Ringe, Stiefel und Uniformen abliefern, statt dessen bekamen wir abgetragenes Zeug. Nur meine Handschuhe schmuggelte ich unbemerkt wieder in meinen Beutel.

Meinen Ehering hatte ich vor der Gefangennahme in meiner Hosentasche versteckt - sie hatte leider ein Loch......

Dann wurden unsere Köpfe geschoren und die Räume zugeteilt. Sie waren feucht und hatten zwei Meter dicke Mauern. In meinem Raum lagen wir zu 18 Mann, die erste Zeit auf dem Fußboden, dann auf Pritschen.

Wir hatten auch einen Ofen, auf dem wir kochten, WENN wir etwas hatten, z. B. Kartoffeln, Melde, Sauerampfer und Brennesseln. Wie köstlich schmeckte es uns.

"...und was gab es sonst so zu essen?"

"Meistens morgens und mittags ein Liter sehr dünne und sehr magere Bohnensuppe, in der Kuhköpfe, -Füße und Eingeweide gekocht waren, abends 600 Gramm Brot, Kaffee, Tee oder heißes Wasser und 1 gestr. Esslöffel Zucker.

Satt wurden wir nie, hatten immer großen Hunger, nahmen alle schnell und erheblich ab und waren schon bald sehr, sehr matt - und dazu die lange Arbeitszeit."

Ich schaue ihn mitfühlend an.

"...und wie war euer Tagesablauf?"

530 Wecken, 630 Zählung , 730 Frühstück, 800 bis 1400 u. 1530 bis 2030 Arbeit. 2130 Zählung. Tagein, tagaus, nur ab und an mal einen Sonntag frei. Unsere Arbeit bestand aus Waffenreinigen - vom Gewehr bis zum Geschütz - d. h. säubern, einfetten und in Kisten verpacken.

Durch die schlechte Ernährung bekamen viele Männer Bein- und Gesichtsschwellungen - so auch ich. Ärztliche Betreuung gab es nicht. Zwar war unter den Gefangenen ein Sanitäter, aber er konnte nicht helfen - keine Medikamente, keine Instrumente.

Ich tauschte mein Rasiermesser und Spiegel, sowie meine Handschuhe mit den Russen gegen Brot und Tabak.

In Krakau blieben wir ca. 7 1/2 Monate, dann wurden wir weiterverfrachtet, gen Osten, eingepfercht in zugige Waggons. Januar 1946.

Nach dreimonatigem Aufenthalt in Kamenez - Podolsk kurze Zwischenstopps in Czernowitze und Stanislau. Danach fünfzehntägiger Transport bis Dsershinsk, (Arbeit: Sehr wahrscheinlich Torfstich) im Gebiet des Asowschen Meeres, Ankunft 17. April 1946.

Als wir über ein, durch Wachtürme und Stacheldraht gesichertes Gelände zu unseren Baracken getrieben wurden, traute ich meinen Augen nicht: abgezehrte, zerlumpte Männer, grau in grau mit dem schlammigen Erdboden schleppten sich über den Platz. SO will ICH nicht werden, - war mein erster Gedanke. Jedoch spätestens nach einer Woche unterschieden wir Neuen uns in nichts von den anderen Gefangenen.

Wir hausten auf engstem Raum und schliefen auf Holzbrettern. Mein Körper war inzwischen so verfallen, daß sich durch die harte Unterlage meine Haut über dem Steißbein und den Hüftknochen schwarz färbte.

Meinen Kopf bettete ich auf meinen Brotbeutel, der meine Schätze barg:

Ein Familienfoto, drei Briefe deiner Mutter, einen Bleistift, ein kleines Notizbuch, Tabakdose, Holzlöffel, Konservendose - mein Eßgeschirr - Fußlappen und manchmal ein Stück Brot.

Kaum hatten wir uns abends auf unseren Lagern ausgestreckt, fiel das Ungeziefer über uns her und peinigte uns bis zur Verzweiflung.

Morgens 600 Appell. Fröstelnde Jammergestalten reihten sich an einander. Durchzählen wieder und wieder. 730 Suppe. Wir drängelten uns in langen Schlangen den sowjetischen Verteilern entgegen. Auch sie blaß und mager. Wer an der Reihe war, beobachtete genau die Kelle. Wurde sie auch tief genug in den Kübel getaucht, um ein paar Stücke Kohl oder Därme zu erwischen? Unsere Not ließ keinen Ekel zu: Zweimal täglich Wassersuppe, einmal ein Stück Brot, da gelang es mir nur selten, meine Gier zu bändigen, um ein paar Bissen für den nächsten Morgen zu sparen. Oft, um meinen Durst zu lindern, lutschte ich auf einem glatten Steinchen herum.

Unschätzbar wertvoll war ein Messer, die Brotrationen einzuteilen, Tabakstrünke oder Nägel zu schneiden. Ich besaß kein Messer.

Eines Tages entdeckte ich jenseits des Stacheldrahts ein Stück Blech. DAS könnte ein MESSER werden - dachte ich. Wie aber ungesehen meinen Arm unter den Zaun schieben? Täglich inspizierte ich mein Fundstück und nahm wieder und wieder Augenmaß. Vielleicht hatten es schon andere Gefangene ins Visier genommen. Ich mußte handeln. Als sei ich gestolpert, warf ich mich auf den Boden. Mit einem Ästchen rakte ich das Blech in greifbare Nähe und ließ es flugs in meinem Beutel verschwinden - unbeobachtet.

Bald wurde aus dem Blech ein Messer ...und ich hütete es wie meinen Augapfel.

Wir waren inzwischen so geschwächt, daß wir nur noch leichte Arbeiten verrichten konnten. Mein abgezehrter Körper und mein, von Hungerödemen gedunsenes Gesicht wollten nicht recht zu einander passen.

Wir wurden immer stiller. Jeder hing seinen Gedanken nach. Immer wieder die bange Frage: Wie geht es den Lieben in der Heimat? Leben sie noch? - Werde ich diese Hungertortur überstehen - ?

Ich malte mir immer das Wiedersehen mit euch aus und was ich alles essen würde. Die herrlichsten Köstlichkeiten kämen auf den Tisch... Ach, es brauchten auch nur Kartoffeln und Rapsöl zu sein, ich war ja so bescheiden geworden. Einmal wieder Fett auf der Zunge spüren!

Nein, diesen Träumen durfte ich mich nicht hingeben, zu qualvoll war das Erwachen.

Anfang August wurde über Entlassung gemunkelt. - Zu schön, um wahr zu sein - dachte ich. Jedoch am 9. August 1946, nachts, hieß es tatsächlich PACKEN! Das ging schnell, wir hatten ja nichts.

Als sich unsere Waggons in Bewegung setzten, fragten wir uns nervös, ob wir nach Osten oder Westen fuhren. Wir fuhren nach Norden - eine Zeitlang - dann nach Westen, wie wir am Stand der Sonne erkannten, Richtung Heimat. Nur dieses Ziel ließ uns die Strapazen dieses zweiwöchigen Transportes überleben.

Von Dsershinsk, unserem letzten Lager, ging es über Kramatorsk, Slavjansk, Poltowa, Baranowitschi, Brest - Litowsk und Warschau.

Um ein Haar wäre ich doch nicht heimgekehrt.

Auf einem Bahnhof * (* wahrscheinl. BREST-L:, hier werden die Fahrgestelle ausgetauscht wegen unterschiedlicher Spurbreite) durften wir uns die Füße vertreten. Auf dem Gleis gegenüber stand ein Zug aus ebensolchen Waggons wie unseren. Bei einem war die Tür offen. Neugierig steckte ich meinen Kopf hinein. Vielleicht gab es etwas Eßbares... Plötzlich ruckte der Zug an. Instinktiv riß ich meinen Kopf zurück. Ich spürte noch die Rolltür wie eine Guillotine an meiner Nasenspitze vorbeisausen und ins Schloß fallen. Ich war entsetzt. Fast wäre ich auf der Strecke geblieben, im wahrsten Sinne des Wortes...

Am 24. August 1946, nachmittags, erreichten wir deutschen Boden: Frankfurt an der Oder.

Wir Gefangenen lagen uns in den Armen und weinten vor Glück."

"Ich weiß es noch" werfe ich ein, es muß Ende August, Anfang September 1946 gewesen sein, als Solly (Ulis Klassenkamerad, der bei uns in Pension war) während des Unterrichts in meine Klasse kam und sagte: "Gisela Meyers Vater ist aus der Gefangenschaft heimgekehrt." Sofort bekam ich frei. Solly ließ mich auf seiner Fahrradstange sitzen und sauste mit mir nach Hause.

Ich freute mich und doch bat ich ihn, langsamer zu fahren - ich scheute mich vor dem Wiedersehen mit dir. Ich hatte dich so lange nicht gesehen, hatte Angst, daß du mir fremd wärst.

Und als ich dich am Küchentisch sitzen und einen Brei essen sah, warst du mir wirklich fremd mit diesen Haarstoppeln auf dem Kopf und im Gesicht, das ganz aufgedunsen war, dein Hals dagegen war dünn wie mein Arm und dein Körper ganz schmal. Ich hatte dich doch groß und kräftig in Erinnerung gehabt! - Aber bald wurdest du mir wieder vertraut. "

"Ich mußte mich ganz langsam mit kleinen, mageren Portionen wieder an normale Kost gewöhnen", nimmt mein Vater seine Erzählung wieder auf. "Mein Haar wuchs, aber ich hatte noch lange Zeit Ödeme und mußte mich viel ausruhen. Durch die Mangelernährung bekam ich eine Karbunkulose. An meinem ganzen Körper bildeten sich viele große, tiefe, schmerzhafte Krater, aus denen Unmengen Eiter flossen und die häßliche Narben hinterließen.

Im ersten Jahr meiner Heimkehr ging ich fast jeden Sonntag in die Kirche...Aber der Mensch vergißt....."

"Gerade deshalb" sage ich lächelnd und umarme ihn, "mußt du mir noch viel erzählen..."