Weihnachten 1945 - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Weihnachten 1945. Der Krieg ist zu Ende. Deutschland liegt am Boden, und auch große Teile Uelzens, der Heimatstadt der Künstlerin, sind zerstört. Die Erinnerungen an die schlimmen Bombennächte sind noch frisch und das Schicksal des Vaters ist ungewiss. Es fehlt an allem. Feiern fällt in dieser Lage schwer. Dennoch gelingt der Familie ein bescheidenes Weihnachtsfest.
Weihnachten 1945
Der Krieg war zu Ende. Deutschland in Schutt und Asche. Zu einem großen Teil ebenfalls meine Heimatstadt Uelzen. Auch die Mühle war den Flammen zum Opfer gefallen. Bis spät in den Herbst roch es nach verbranntem Korn. Das hielt die Erinnerung an schlimme Tage und Nächte im April wach.
Dann das erste Nachkriegsweihnachten. Festtagsstimmung wollte sich nicht einstellen. Vati war noch nicht aus dem Krieg heimgekehrt. Lebte er noch? War er in Gefangenschaft?
Unsere Ernährung war kümmerlich. Dennoch gelang es Mutti, aus einfachen Zutaten braune Plätzchen zu backen.
Wie aufregend und spannend war es immer gewesen, wenn der Weihnachtsmann das Glöckchen geläutet hatte zum Zeichen: die Weihnachtsstube ist freigegeben. An diesem Heilig Abend waren wir alle bedrückt, aber das Ritual wurde eingehalten: Uli spielte Weihnachtslieder auf dem Klavier. Er, Mutti, Sigid und ich sangen dazu. Diesmal mit gepreßten Stimmen. Jeder hatte einen Kloß im Hals und kämpfte mit den Tränen. Wir alle dachten an Vati.
Dann die Bescherung. Mutti sagte traurig: "Diesmal hat der Weihnachtsmann nur ganz wenig für Euch." Ja, auch "Weihnachtsmanns Boden" (Fa. Herrmann Cordes), wo wir Kinder sonst unsere Weihnachtswünsche anmeldeten, war ausgebrannt.
Jeder bekam einen bunten Teller - bescheiden wie nie: Äpfel, braune Kekse, "Marzipan" aus Grieß und Bittermandelaroma gefertigt. Dann die Geschenke. An die meiner großen Geschwister erinnere ich mich nicht. Ich bekam einen kleinen magnetischen Kreisel, dazu eine Ente und eine Schlange, beides aus Blech gestanzt. Wenn ich den Kreisel drehte, zog er die Figuren an und sie bewegten sich. Anm.1 Ich war sehr zufrieden mit meinem Geschenk und Mutti war getröstet.
Am ersten Weihnachtstag kam ein echter Festtagsbraten auf den Tisch: eines unserer Kaninchen. Ich konnte mich nicht überwinden, von meinem Spielgefährten zu essen und begnügte mich mit Kartoffeln und Rotkohl.
Wenn ich vergleiche, wie glücklich wir waren über die bescheidensten Geschenke und welcher Aufwand jetzt getrieben wird, dann frage ich mich: können Kinder sich heute noch von Herzen über ihre vielen Gaben freuen??
Anm.1 Dieser recht interessante Kreisel war ähnlich dem in diesem YouTube-Video. Dies ist bekannt, weil sich im Nachlass der Künstlerin ein solcher Kreisel befindet, auf dessen Verpackung sie dies notierte.


