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Erlebnisse meiner Tante beim Kampf um Uelzen - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Bei einem Gespräch am 13. März 1998 mit einer ihrer Tanten, die auch Gisela heißt, erzählt diese der Künstlerin von ihren Erlebnissen während des Kampfes um Uelzen im April 1945. In diesem Text hat die Malerin diesen Bericht, vermutlich anhand von Notizen, aufgeschrieben.


Erlebnisse meiner Tante beim Kampf um Uelzen

Personen:

Meine Tante Gisela Bonikowsky, geb. 1912
Onkel Dieter, geb. 1908
ihr Sohn Klaus, geb. 1935
unser Großvater, genannt Ovater, geb.

Ort: Veerssen, Vorort südlich von Uelzen

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Meine Tante Gisela berichtete mir, wie sie und ihre Familie den Kampf um Uelzen erlebt hatten.

Ich lasse sie selber erzählen:

"Unser Haus befand sich direkt im Frontbereich. Unsere Kellerräume sowie die der Nachbarn waren mit Einheimischen und Flüchtlingen belegt. In unserer Nähe standen mehrere Geschütze. Hiebys Haus, ein Stück von uns entfernt, wurde Lazarett.

Für kurze Zeit hatten wir einige deutsche Soldaten als Einquartierung oben in der Wohnung. Einen Munitionswagen, auf dem sich auch wertvolle Gebrauchsgegenstände befanden, die die Landser von irgendwo hatten mitgehen lassen, parkten sie auf unserer Auffahrt. Beim ersten hörbaren Geschützdonner zogen sie ab, das gefährliche Fahrzeug zurücklassend. Wir waren deshalb sehr besorgt. Zum Glück kam später doch noch einer von der Truppe, um es wegzufahren.

Die Einschläge kamen näher. Drengemanns Haus (Anbau), links von uns, wurde von einer Granate getroffen. Unsere Garage auf dem Hof ging in Flarnmen auf. Mit ihr unsere sämtlichen Kaninchen, Hühner und die Pute, die wir verkohlt auf ihrem Nest fanden. Sie hatte gerade gebrütet und offenbar mit ihrem Körper ihre Brut schützen wollen.

Am schlimmsten aber: rechts von uns brannte das Haus der Familie Sternickel. Die Besitzer, die mit etlichen Uelzener Freunden im Keller Schutz gesucht hatten, wußten nicht, daß über ihren Köpfen die Flammen wüteten. Das Krachen hatten sie für Artillerie-Einschläge gehalten. Dein Onkel Dieter konnte sich nicht über die Straße zu ihnen vorwagen, deshalb durchtrennte er den Drahtzaun zum Nachbargrundstück. Er holte die entsetzten Menschen aus dem Keller. Auch sie kamen bei uns unter. Ihr Haus mußten sie den Flammen überlassen, es gab keine Möglichkeit, diesen großen Brand noch unter Kontrolle zu bringen. Wir bildeten eine Eimerkette und ließen Wasser an unserer Hauswand herunterlaufen, um ein Übergreifen des Feuers zu verhindern.

Die Engländer hatten nun das Terrain übernomen. Den alten Drengemann beschuldigten sie, aus seinem Haus seien Schüsse abgegeben worden. - Nicht aus seinem, aus dem Nachbarhaus - sagte er. Daraufhin holten sie Dieter aus dem Keller, nahmen ihm Uhr und Ehering ab und verfrachteten ihn auf einem Panzer nach Holdenstedt, ins nächste Dorf. Dort waren bereits einige Zivilisten versamelt, auch ein Pastor im Talar. Ein feindlicher Soldat drückte deinem Onkel einen Spaten in die Hand, sein Grab auszuheben. Ein anderer Mann schaufelte bereits an seiner eigenen Grube..... -

Dieter war in der Kampfstoffversuchsanstalt in Munster dienstverpflichtet gewesen. Von dort hatte er für uns beide jeweils eine kleine Menge Gift mitgebracht. Er trug seine immer bei sich... für den Notfall. Der war nun eingetreten. Er schluckte sie heimlich und wurde schnell bewußtlos...

In einem Lazarett in Celle fand er sich wieder -- wieder unter den Lebenden. Die Umstände seiner wunderbaren Rettung sind unbekannt geblieben. In seiner Jackentasche fand er einen Zettel, auf dem gekritzelt stand: "dieser Mann lag bewußtlos am Straßenrand....

Als er wieder auf den Beinen war, machte er sich aus dem Staube - zu Fuß. Bei Breitenhees traf er auf eine jämmerliche Gestalt mit einem Fahrrad. Bei näherem Hinsehen erkannte er "Klacker" Oswald aus Uelzen, ein Halbjude, den die Tommys aus einem Lager in Braunschweig (?) befreit hatten. Die beiden waren froh über den gemeinsamen Heimweg. Den Drahtesel teilten sie sich. Während einerzu Fuß ging, durfte der andere eine Strecke fahren, dann stellte er das Rad ab und lief weiter. Danach durfte der erste radeln... usw., usw.

Ich schaute gerade aus dem Fenster, als ich die beiden heruntergekommenen Gestalten sich nähern sah. Zuerst erkannte ich sie nicht – dann aber Riesenfreude und Erleichterung.

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Nun erzähle ich dir, wie es bei uns weiterging, nachdem Dieter abtransportiert worden war:

Ein britischer Offizier bedeutete uns, daß unser Haus Kommandantur werden solle. Er ließ alle aus dem Keller antreten. "Acht Uhr Lager", sagte er immer wieder eindringlich und klopfte dabei auf seine Armbanduhr. Herr Hieby und ich wurden abkommandiert, ein anderes Quartier zu suchen. Während wir über die vielen heruntergeschossenen Äste davonstolperten, schossen die Soldaten, um uns zu erschrecken, hinter uns her.

Wohin wir auch kamen, alle Häuser waren überbelegt. Blasse, elende Gesichter schauten uns entgegen. Wir liefen von Haus zu Haus bis ans Ende der Häuserreihe in Richtung Stadt. Vergebens.

Da, wo es neben der Straße abschüssig ist, lag ein junger, deutscher Soldat. Tot. Sein rechter Arm umschlang einen heruntergeschossenen Ast, so als wolle er ihn festhalten. An seiner Hand blinkte ein Ehering. Nicht weit von diesem Gefallenen entfernt sah ich in einem Erdloch mehrere tote Soldaten. Ich war tief betroffen. Niemals werde ich diese erschütternden Eindrücke vergessen.

Nach unserer Rückkehr mußten alle Leute aus unserem Keller notgedrungen bei Drengemanns unterkriechen, obwohl dort bereits viel zu viele Menschen zusammengedrängt hausten. Das totale Chaos.

Am Abend beobachtete Klaus, daß sich fremde Leute in unserem Keller eingenistet hatten. Viele Uelzener waren aus der inzwischen brennenden Stadt nach hier geflüchtet. Alle, alle suchten ein Dach über dem Kopf.

Ein junger Tommy schob auf unserem Hof Wache. Wir winkten ihn zu uns heran und bedeuteten ihm, daß das Haus da drüben unseres sei und daß wir gerne wieder zurückkehren möchten. Er verstand und half uns sogar, über den Zaun zu klettern, den Weg über die Straße konnten wir nicht riskieren, denn es war bereits Ausgangssperre.

Ganz, ganz allmählich normalisierte sich unser Leben wieder - für uns war der Krieg vorüber - Onkel Dieter kehrte zurück - Gott sei Dank - GOTT SEI DANK !!!!!!.......