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Ein Knotenpunkt wird verteidigt - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

April 1945. Der Krieg ist eigentlich bereits verloren, jeder weitere Widerstand sinnlos. Die Briten stehen kurz vor Uelzen, wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und Heimatstadt der Künstlerin, und sie fordern die Übergabe. Da trifft die Wehrmachtsführung die Entscheidung, Uelzen zur "Festung" zu erklären und ordnet die Verteidigung bis auf den letzten Mann an. Ein dramatischer fünftägiger Kampf entbrennt. Artillerie, Tiefflieger, Häuserkampf. Ständige Detonationen, Tag und Nacht. Malerin Gisela Al Amily schildert, wie sie diese Zeit und das Ende des Krieges erlebte.


Ein Knotenpunkt wird verteidigt

Im April 1945, ich war neun Jahre alt, warnte Frau Hein, eine Nachbarin, aufgeregt meine Mutter: "Frau Meyer, vernichten Sie Hakenkreuze, Hitlerbilder- und Bücher. Wenn der Feind etwas findet, dann......" Wir brauchten wenig Phantasie, um uns vorzustellen, was der Feind mit uns machen würde. Viele Gerüchte waren im Umlauf. "Hitler" verschwand von der Wand, die Bücherregale wurden in Eile nach entsprechender Literatur durchgesehen. Ganze Stapel verheizten wir in unserem Küchenofen. Währenddessen vergrub mein Bruder in unserem Garten die SA-Uniform meines Vaters. Anm.1

Seit kurzem schliefen meine sieben Jahre ältere Schwester und ich sicherheitshalber im Keller. Wir teilten uns ein Bett. Eines Morgens - es muß der 13. April gewesen sein - erwachte ich durch leichte Bodenerschütterungen und fernes Donnern. Gewitter? Ich weckte Sigrid. "Wahrscheinlich Kanonen", sagte sie beklommen. Oben in der Wohnung waren meine Mutter und mein Bruder Uli schon in hektischer Geschäftigkeit. Eine Spannung, die Angst machte, lag in der Luft.

Meine Schwester wurde zum Schlachter geschickt. Dort sollte es Fleisch "ohne Lebensmittelmarken" geben, damals eine Besonderheit. Im Bad flocht meine Mutter mir gerade die Zöpfe, als wir den ersten Granateinschlag in den etwa 500 m entfernten Kirchturm gegenüber gewahrten. In Panik sauste ich in den Keller. Nun entstand ein Gerenne: Sigrid kam unverrichteter Dinge zurückgehetzt, Uli schleppte Matratzen nach unten, Mutter Eßwaren und Koffer. Unsere Nachbarn, die 5-köpfige Familie Hilmer, suchte bei uns Schutz, weil unser Keller besser gesichert war.

Durch unsere Parallelstraße (Niendorfer) zog ein Trupp deutscher Soldaten in Richtung "Königsberg", einem bewaldeten Hügel in der Nähe. Wollten diese paar Männer etwa unsere Stadt verteidigen?

Als mein Bruder zum letzten Male Sachen aus der Wohnung holte, verweilte er einen Augenblick vor dem Balkonfenster, um den Beschuß des Kirchturms zu beobachten. Plötzlich vernahm er ein Pfeifen. Er warf sich zu Boden. Wo er gestanden hatte, durchschlug ein Granatsplitter den Fensterrahmen und die Scheiben und landete in der Küchendecke, wo er ein großes Loch in den Putz riß. Ein anderer Splitter drang in das Heizungsrohr. Das auslaufende Wasser fingen wir in einer Zinkwanne auf. Es diente uns tagelang zum Waschen. Unsere Wasserleitung gab keinen Tropfen mehr her. Trinkwasser wurde eimerweise von einer Pumpe in der Nachbarschaft herangeschleppt.

Der Beschuß war nun in vollem Gange - Kanonendonner, Granateinschläge. "An der Ecke liegt ein Mann auf der Strasse", schrie jemand. Auf dem Weg nach Hause war er von einem Granatsplitter getroffen worden, der ihm ein Bein fast abgerissen hatte. Die Bewohner in der Nachbarschaft der Unglücksstelle standen in ihren Hauseingängen. Niemand wagte sich zu dem Verletzten vor. Da packten Herr Hilmer und seine Tochter Lieschen eine Leiter und Wolldecke und rannten dem Mann zur Hilfe. Unter größter Lebensgefahr trugen sie ihn zum St. Viti-Krankenhaus, einen Weg von etwa 45 Minuten. Eine heldenhafte Tat. Die beiden Retter kehrten Gott sei Dank unversehrt zurück.

Wir richteten uns recht und schlecht für eine unbestimmte Zeit im Keller ein. Matratzen hatten wir auf die Kohlen gelegt. Dort kampierten Uli, Sigrid und Gertrud Hilmer. Das einzige Bett nutzten wir zu fünft. Statt längs, lagen wir quer, beinebaumelnd. An Schlafen war nicht zu denken bei der unbequemen Lage und dem nächtlichen Artillerietrommelfeuer, das unaufhörlich mit furchtbarem Getöse in unserer Stadt einschlug.

Am Tage gab es kurze Beschußpausen. Die nutzten wir, um im Garten unsere Notdurft zu verrichten. Die Toiletten waren mangels Wasser außer Betrieb. Für Notfälle hatten wir aber einen Eimer in der Waschküche.

In unserer Umgebung gab es kaum noch Ziegel auf den Dächern der Häuser oder heile Fensterscheiben. In unseren Garten war eine Granate eingeschlagen und auch ein Haus gegenüber war getroffen worden. Zwei riesige Löcher klafften in der Wand. Später zählten wir auch 14 Granateinschläge in unserer Wohnung. Am zweiten Kampftag wurden die Kanonen durch Bomber verstärkt. Meine Mutter stülpte uns Kochtöpfe wie Stahlhelme auf den Kopf. Ich bekam den kleinsten - Größe 18.... erinnere ich mich heute lachend. Damals zitterten wir um unser Leben.

Bald bot sich uns ein trauriges aber eindrucksvolles Schauspiel: der Kirchturm brannte, ein flammender Kegel. Wir beobachteten von der Waschküchentür aus, die durch den darüberliegenden Balkon geschützt war, wie zuerst die Spitze auf der linken Seite herabstürzte, dann löste sich der mittlere Teil, schließlich brach der untere herunter. Unser Kirchturm war geköpft worden. "O, wenn der Schrecken doch bald vorüber wäre", dachte ich. Nun brannte auch das Zeitungsverlagshaus. Viele große brennende Papierfetzen flogen über die Häuser. In Gefechtspausen schleppten Uli, Sigid und Rolf Meine Wasser heran. Ein Teil wurde in den Eimern auf den Speicher gestellt wegen der Brandgefahr, weil das Dach fast völlig abgedeckt war. Alle Augenblicke wurde ein Kontrollgang nach oben gemacht. Zum Glück blieben wir von Feuerschaden verschont.

Nach fünf Tagen verebbten allmählich die Schüsse und wir trauten uns öfter vor die Tür. Uli wagte sogar einen Besuch bei Freunden in der Albertstraße, durch zwei Gärten von unserer "Horst-Wessel-Straße" getrennt. Wenig später kam er zurückgerannt und berichtete aufgeregt von seinen Beobachtungen: Auf der Parallelstraße hatte er nach rechts und links gespäht, dann an einer Ecke englische Soldaten gesichtet, die mit Maschinenpistolen im Anschlag von Keller zu Keller gingen. Daraufhin versammelte sich die ganze Hausgemeinschaft im mittleren Raum. Stunde um Stunde erwarteten wir, dicht aneinandergedrängt und in stummer Angst, das Schlimmste. - Nichts. - Irgendwann verkrochen wir uns zum Schlafen. Inzwischen brannte das nahe Stadtzentrum: Gudestrasse, Schuh-, Mühlen- und Veersserstraße. Die feindlichen Soldaten hatten die Bewohner aus ihren Häusern vertrieben und auf einer Wiese versammelt, dann mit Flammenwerfern ganze Straßenzüge angezündet.

Am nächsten Morgen traf ich zum ersten Mal auf einen Engländer. - Als ich erwachte, flüsterte meine Mutter: "Es sind feindliche Soldaten im Haus." Ich wagte mich die Kellertreppe hinauf und riskierte einen Blick um die Ecke. Da war ein Tommy! Ich fuhr erschrocken zurück. Er lachte mich an, als er mein entsetztes Gesicht sah. Ich war verwirrt. - Das war der Feind? Der sah ja wie ein Mensch aus - und der lachte sogar!....

"Nicht an Kellerfenster gehen, sonst schießen sie vielleicht auf euch!", warnte meine Mutter. Im Haus gegenüber lagen englische Soldaten in den Fenstern, ihre Maschinenpistolen vor der Brust. Unsere Wohnung sollte besetzt werden. Die Besetzer waren schon bei den Aufräumungsarbeiten. Geschirr und Frühstück, seit fünf Tagen auf dem Küchentisch und vom heruntergerissenen Putz zugestaubt, flogen kurzerhand vom Balkon. Dann sollten wir plötzlich das ganze Haus räumen. Frau Meine, unsere Hauswirtin und Inhaberin eines Kolonialwarengeschäftes, deren Mutter krank im Bett unter der Kellertreppe lag, flehte deshalb den Offizier an, uns zu verschonen. Ich glaube sie bangte auch um ihre schönen Lebensmittelvorräte...

Meine Mutter schämte sich: "Wie kann man sich vor dem Feind so erniedrigen!...." Der Militär ließ sich erweichen, wir durften bleiben. Stattdessen gab er Order, Hilmers Haus zu besetzen. Vorher bruzzelte er sich noch etwas auf dem Kohlenherd in Frau Meines Küche.

Als wir Kinder merkten, daß keine Gefahr bestand, gesellten wir uns zu dem Offizier. Die Großen taten sich hervor mit ihren Schulenglischkenntnissen. Gern hätte ich auch so fremd gesprochen oder wenigstens etwas verstanden. Unsere Hauswirtin mühte sich ebenfalls dienstbeflissen. Wasserkesselschwingend fragte sie: "Water for tai? Water for tai?" Es verging ein Moment, bis der Angesprochene begriff, daß sie ihm Teewasser bereiten wollte.

Das Feuer kam näher. Jetzt brannte die mehrgeschossige Mühle und der breite Kornspeicher nebenan, von uns nur durch die Albertstraße und den Ratsteich getrennt. Henning Hilmer und ich beobachteten von Meines Wohnzimmer aus, wie sich die Flammen durch die Dächer fraßen. Wenn ein Balken zusammenbrach, stoben die Funken zum Himmel, gefolgt von dicken Rauchwolken. Vor uns kurvten die Engländer in ihren Panzern quer durch unsere Gärten, die Drahtzäune hinter sich herschleifend. Besorgt verfolgte ich ihr Treiben. Ob sie meine "Bude" zerstören? Das war ein kleines Dach auf vier Pfählen, dafür hatte meine Schwester mir gerade vor drei Wochen zu meinem Geburtstag ein "Fenster" mit Gardinen gebastelt. Das war unter dem Dach befestigt und mit einem Blumentöpfchen geschmückt. Nichts wurde beschädigt. Zwei Soldaten zu Fuß blieben sogar stehen und betrachteten schmunzelnd mein "Häuschen". Sicherlich dachten sie dabei an ihre eigenen Kinder in der Heimat...

Irgendwann waren die Häuser ausgebrannt. Nur in der Nähe schwelte das Korn und verbreitete noch bis in den Herbst einen Geruch von verbrannten Kaffeebohnen.

Wir konnten in unsere Wohnungen zurückkehren, für uns war der Krieg zu Ende. Zuerst war ich ängstlich da oben. Kein Alarm? Keine Bomber? Keine Kanonen? Nie mehr? - NIE MEHR!


Anm.1 Darüber, dass ihr Vater bei der SA war, sprach die Malerin später mit einer Art ungläubigem Erstaunen. Er war so ein stattlicher feiner Herr, späterer Buchaltungsleiter der Uelzener Stadtwerke. Es schien nicht zu ihm zu passen.