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Achtung, Achtung, wir geben eine Luftlagemeldung - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Gisela Al Amily erzählt von ihren Erlebnissen während der Fliegeralarme und der Bombardierungen ihrer Heimatstadt Uelzen im Zweiten Weltkrieg. Da Anfangs nur größere Städte bombardiert werden, machen ihr Fliegeralarme zunächst wenig Angst, ja, sie findet Gefallen am Spielen mit den Nachbarn im Keller. - Doch dann fallen die ersten Bomben auf Uelzen. Ein Nachbarsmädchen ist unter den Opfern. Die Unbekümmertheit bei Alarmen weicht Panik und Todesangst. Und es wird schlimmer und schlimmer.


Achtung, Achtung, wir geben eine Luftlagemeldung

Personen:
Mein Vater, geb. 1900
Meine Mutter, geb. 1903
Mein Bruder Uli, geb. 1928
Meine Schwester Sigid, geb. 1929
Ich (Gisela), geb. 1936

Herr Meine
Frau Meine ---- Unsere Hauswirte und Kolonialwarenladenbesitzer
Sohn Rolf und Oma

 

An den Anfang des Krieges kann ich mich nicht erinnern. Ich war erst dreieinhalb Jahre alt.

Als ich etwa fünf war, begann es mit dem Fliegeralarm Anm.1 für Uelzen. In meiner kindlichen Ahnungslosigkeit gefielen mir die Zusammenkünfte im Keller, bei denen wir "Mensch ärgere dich nicht" spielten mit Familie Meine. Ich freute mich, wenn unsere Hauswirtin dabei Lakritz-Negertaler verteilte, denn Süßigkeiten waren bereits eine Rarität.

Der Krieg eskalierte. Mein Bruder, damals 15-jähriger Gymnasiast, wurde zusammen mit seinen Klassenkameraden Marinehelfer auf Borkum. Ich war stolz auf ihn in seiner schneidigen Uniform. Mein Vater wurde als Soldat eingezogen und schließlich an die russische Front geschickt. Immer häufiger hatten wir Alarm. Bei Dunkelheit mußten wir an sämtlichen Fenstern die sogenannten Verdunklungsrollos herunterlassen. Kein noch so schmaler Lichtspalt durfte sichtbar sein, damit die feindlichen Piloten uns nicht so leicht ausmachen konnten.

Am Radio verfolgten wir die Kriegsberichte, vor allem die Sondermeldungen:

- Achtung, Achtung, wir geben eine Luftlagemeldung.
Schwere Kampfverbände sind im Anflug auf Hamburg.... –

Das bedeutete auch für die Uelzener: ab in den Keller.

Noch außer Sichtweite kündigten sich die Flugzeuge durch ihr rhythmisches, bedrohliches Brummen an. Bei Tage konnten wir sie beobachten, wenn sie direkt über uns waren: kleine Silbervögel hoch am Himmel, ca. 20 in einem Verband, mehrere Formationen hintereinander. Bisher waren nur die Großstädte Ziel der Bomber, dadurch wurden wir etwas nachlässig, gingen nicht immer sofort in den Keller, wenn die Sirenen heulten.

Das sollte sich ändern. -

Wieder einmal Alarm. Ein Sommertag. Ich trocknete Geschirr ab und beobachtete dabei das Flugzeugspektakel am strahlend blauen Himmel. Für den Fall eines Brandbombeneinschlags ließ meine Mutter gerade im Bad aus vollem Rohr Wasser in die Wanne laufen. Sand und Feuerpatsche standen immer in der Flurecke bereit.

Plötzlich ein Dröhnen, Pfeifen, ohrenbetäubendes Krachen. Ich weiß nicht mehr, wie ich in den Keller kam. Dort traf sich die entsetzte Hausgemeinschaft.

Das waren Bomben. Die ersten Bomben auf Uelzen.

Nach Sekunden war der todbringende Spuk vorbei. Nach einer Stunde etwa ein langgezogener Heulton - Entwarnung.

Langsam machten wir uns auf den Weg in das betroffene Viertel, nahe dem Bahnhof, etwa einen Kilometer von unserem Haus entfernt, um zu sehen, was passiert war.

Dietrich-Str., Karl-Str. ein Bild des Grauens. Eingestürzte oder brennende Häuser, tiefe Krater auf der Fahrbahn. Es gab Tote und Verletzte. Viele Menschen waren unter den Trümmern verschüttet. Auch ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft, das sich in der Gegend aufgehalten hatte, war unter den Opfern. (Gisela Worthmann)

Von da an versetzte uns Sirenengeheul in Panik. War die Gefahr noch nicht unmittelbar, gab es erst einmal Voralarm. Dann hatten wir Zeit genug, uns mehrere Kleidungsstücke übereinander zu ziehen, den Brustbeutel mit Name und Adresse umzuhängen, das Handgepäck mit wichtigen Papieren und Wertsachen und den Rucksack mit meinen Teddys zu schnappen, dann schnell in den Luftschutzraum. Den gab es jetzt in jedem Keller: die Decke durch dicke Holzstämme abgestützt, vor den Fenstern übereinandergeschichtete C-förmige Betonelemente als Splitterschutz, darüber an die Hauswand gepinselte Pfeile, die im Notfall den Rettern das Suchen erleichtern sollten.

Oft raste ich bei Vorwarnung von der Schule nach Hause. Ich rannte um mein Leben, immer in der Furcht von Tieffliegern oder Bombern überrascht zu werden. Meine Mutter erwartete mich in angstvoller Ungeduld. Dann Vollalarm und gleich darauf die sich nähernden Flugzeuge. "Sie brummen", sagte jemand mit beklommener Stimme.

Unweigerlich krampfte sich mein Magen vor Aufregung zusammen.

Viele Schreckensnachrichten waren in letzter Zeit durch Radio und Zeitungen verbreitet worden. Immer öfter, besonders nachts, manchmal mehrmals, mußten wir uns in Deckung begeben. Da hockte ich auf einer Truhe, schlotternd vor Angst und Müdigkeit.

Eine solche Nacht ist mir unvergeßlich. Familie Meine wollte diesmal im Wald Schutz suchen und war gerade im Aufbruch. - Lieber Gott -, dachte ich, - laß uns (meine Mutter, Schwester und ich) nicht alleine zurück. - Tatsächlich änderte Herr Meine seinen Entschluß und blieb. Er, ein dicker, rotwangiger Mann, brachte mich stets zum Lachen, wenn er mit den Ohren wackelte, so daß sein Hut auf und nieder hüpfte. In dieser Nacht war niemand zum Scherzen aufgelegt. Ein leichtes Zittern des Kellerbodens. In der Ferne ein Dröhnen. Erst schwach, dann zunehmend. Wir lauschten angespannt. Was war das ? Dann bebte der Boden. – "Erst Hamburg, nun bombardieren sie sich zu uns durch.", - sagte meine Mutter leise zu sich selbst. Angst und Anspannung wurden unerträglich. Ich konnte meine aufeinanderklappernden Kiefer nicht mehr im Zaume halten.

Irgendwann nach Stunden - so schien es, wurde es still. Dann: Entwarnung.

Am nächsten Morgen berichtete das Radio von dem schwersten Angriff auf Hamburg, hundert Kilometer von uns entfernt....

Durch Phosphor- und Brandbomben war ein Feuersturm entfesselt worden, der das Löschwasser in den Bassins zum Sieden brachte und den Asphalt zum Schmelzen.

Flächendeckende Verwüstung und unzählige Opfer. Eine erschütternde Tragödie.

Aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien zog ein unendlicher Flüchtlingstreck nach Westen. Mit Pferden und Planwagen, die mit den letzten Habseligkeiten völlig überladen waren, kamen sie auch nach Uelzen, wo inzwischen ein großes Aufnahmelager gebaut worden war. Völlig erschöpfte Menschen, die Pferde zum Skelett abgemagert. Gespann hinter Gespann verstopften die Straßen. Viele Flüchtlinge wurden vorübergehend in Tumhallen und Schulen untergebracht.

Unterricht gab es sowieso nicht mehr. Die größeren Schülerinnen, so wie meine Schwester, wurden zum Kartoffelschälen eingesetzt.

Immer öfter sah ich Frauen in Trauerkleidung. Ein Ehemann oder Sohn war den sogenannten Heldentod gestorben. Meine Tante in Dresden (Mathilde) verlor beide Söhne, den einen in Norwegen, den anderen in Stalingrad (Russland). Auch in der Nachbarschaft schlugen die Todesnachrichten ein: Ein Lokomotivführer wurde während seines Dienstes von Tieffliegern tödlich getroffen. (H. Worthmann, Sandweg)

Die Angst ging um.

Überall an den Litfaßsäulen Plakate mit dem Aufdruck: "Psst - Feind hört mit." und einem großen, schwarzen männlichen Schatten. In meiner kindlichen Phantasie machte ich mir mein eigenes Bild vom Feind: ein Ungeheuer, das keine menschlichen Züge trug.

Tag und Nacht heulten nun die Sirenen. Zwei- oder dreimal ließ ein einzelner Flieger seine tödliche Last auf Uelzen fallen.

Dann, ein Sommertag 1944. Mittags.

Voralarm, kurz darauf Vollalarm. Wir rannten nach unten und schon hörten wir das gefürchtete Dröhnen der Motoren.

Plötzlich ein unbeschreibliches, ohrenzerreißendes Pfeifen, Krachen, Detonationen.

Der Boden bebte. Meine Mutter umklammerte meine Schwester und mich. Ich betete laut und verzweifelt: "Lieber Gott !, lieber Gott !, lieber Gott !" .......

Die Bomben mußten direkt vor unserem Haus niedergegangen sein. Im Nachbarraum hörte ich Frau Meine schreien: "Meine Erbsensuppe brennt an, meine Erbsensuppe.....!"

Als alles vorüber war, trauten wir uns auf die Straße. Vom Luftdruck zersplitterte Fensterscheiben und teilweise abgedeckte Dächer. Wieder war die Bahnhofsgegend heimgesucht worden. Es gab so viele Tote, daß Sie zum Teil in Massengräbern verscharrt werden mußten.

Diesmal war auch das Haus meiner Tante (Luise) und meines Onkels (Hermann) getroffen worden. Er hatte schwerkrank oben in der Wohnung gelegen und blieb wie durch ein Wunder unverletzt, obwohl der deckenhohe Kachelofen neben ihm herabgestürzt war. Auch seine Frau im Keller war unversehrt. Das Haus aber hatte breite Risse und war unbewohnbar geworden, deshalb wurden sie in ein Dorf bei Uelzen (Molzen) evakuiert.

Der Feind war nun unaufhörlich auf dem Vormarsch. Da hörten wir von dem unerwarteten Angriff auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Zu der Zeit hatten Flüchtlinge, schutzlos unter freiem Himmel, die Elbwiesen bevölkert, als Tiefflieger und Bomber ein hölliches Inferno entfachten. 35.000 Menschen hatten ihr Leben verloren. Auf dem Altmarkt waren Leichenberge aufgetürmt und verbrannt worden, anders hätten die Überlebenden der Massen nicht Herr werden können.

Wir waren verzweifelt.

Nun mußte doch endlich die Wunderwaffe eingesetzt werden, die uns der Führer versprochen hatte, sonst waren wir verloren...

Etwa Anfang März wurden mein Bruder und seine Kameraden von Borkum nach Hause geschickt. Die Front rückte näher und näher.

 

Nachwort

In meiner Erinnerung habe ich einige Male die Daten verwechselt, z. B. bei den Fliegerangriffen. (s. Chronik G. Bismark Anm.2)

Die Toten in den Massengräbern habe ich offenbar falsch zugeordnet. Vielleicht waren sie bei dem Angriff am 22. Febr. 45 umgekommen. Eine Frau hatte meiner Mutter auf dem Friedhof ganz aufgeregt von ihren Beobachtungen (Massengräber) berichtet.

Erstaunlich genau habe ich die Anzahl der feindlichen Flugzeuge, die sich in einem Verband befanden (20 - 25), in Erinnerung - wie ich in einem Zeitungsbericht bestätigt fand.

Ich habe alles so aufgeschrieben, wie ich es nach 53 Jahren in Erinnerung habe - "nach bestem Wissen u. Gewissen", wie man sagt.

Mein Anliegen ist, als Zeitzeugin einen Erlebnisbericht abzugeben, für meine Geschwister und mich zu Erinnerung an eine schwere Zeit, für meine Kinder als Einblick in unser Leben damals.

Gisela Al Amily

Aufgeschrieben März 1998


Anm.1 YouTube-Video mit Originalaufnahmen von einem: ⮕ Fliegeralarm (Vollalarm) und einer: ⮕ Entwarnung, hier von 1945 aus Berlin.

Anm.2 Vermutlich: "Uelzen 1918-1945 - von den Roten Räten bis zum Ende der Braunen Bonzen. Der Versuch einer Dokumentation" von Günter Bismark