Die traurige Braut - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Gisela Al Amily nimmt an einer Feier vor der arrangierten Hochzeit einer hübschen jungen Frau, einer Nichte, teil. Die Künstlerin ist die einzige Ausländerin, viele der Anwesenden haben zuvor noch nie eine gesehen. Ihr gebührt die Ehre, der Braut beim Umkleiden und Zurechtmachen zu helfen - was sie anscheinend so geschickt macht, dass sie zu einer Attraktion des Festes wird. - Doch die Stimmung der Braut ist wie von einer dunklen Vorahnung getrübt.
5./6. März 1969 - Die traurige Braut
Fadhila, unsere Nichte aus Nedjef heiratete. Wir waren eingeladen und reisten per Bus an. Der heiligen Stadt gemäß trug ich meine schwarze Abeya. Sie schmückte mich nicht: die schwere Atlasseide drückte mein Haar platt, auch fehlte mir die natürliche Anmut der Einheimischen beim Tragen dieses weiten Umhangs.
Am Ort angekommen, liefen wir durch staubige Gassen, kein Pflänzchen schmeichelte dem Auge. Abweisende Häuser, die Läden vor den Fenstern geschlossen. In Gassenmitte eine schmale Rinne, in der graues Abwasser langsam unter der Sonne verdunstete und einen faulen Geruch verbreitete. Vor einer Haustür ein totes Huhn.
Als wir am Tor unserer Verwandten ankamen, empfing uns eine Gruppe Frauen mit ihren hohen Jubelschreien, die durch schnelle Zungenschläge erzeugt werden. Wir wurden in den Hof geleitet und von Verwandten freudig begrüßt.
In einem Zimmer, mit Perserteppich und Sitzkissen ausgestattet, aßen wir mit den Brauteltern Abu- und Um-Djafar und ihren Kindern Redja und Souhair von einem großen runden Kupfertablett am Boden.
Nach dem Essen ging ich mit Rimi durch den großen Innenhof zu einem Raum, in dem Fadhila und einige Frauen und Kinder versammelt waren. Auf den Fliesen Matten, es war Zeit für die Siesta. Bei der Begrüßung blickte mich die Nichte aus großen braunen Augen traurig an. Ernst und in sich gekehrt saß sie da. Eine hübsche junge Frau, aber keine strahlende Braut.
Heute feierte sie mit allen Frauen, die ihr nahestanden: Nachbarinnen, Verwandte und Freundinnen den Abschied von ihrer Mädchenzeit. Morgen würde sie zum ersten Mal ihrem Mann begegnen und Frau werden ...
Gewiß fragte sie sich ängstlich, ob ihr Mann ihr sympathisch sein würde - und seine Familie. Ob alle sie akzeptierten? Ein neues Leben - ohne die elterliche Geborgenheit. Auf keinen Fall aber würde sie lieber eine "Alte Jungfer" werden. Eine eigene Familie mit möglichst vielen Söhnen war das Ziel ...
Nach der Mittagsruhe trafen immer mehr Frauen ein. Neugierig musterten sie mich. Kein Mann ließ sich im Innenhof blicken - nur meiner ... Die fremden Frauen versteckten augenblicklich ihre Gesichter hinter ihren Abeyas. Razak zog sich erschrocken zurück. Die Auslandsjahre hatten ihn die strengkonservativen Sitten vergessen lassen.
Fadhila, noch in ihrem Hauskleid, unterzog sich dem Ritual der Bräute. In ihre Handflächen und Fußsohlen wurden mit Henna, einem ockerfarbenen Brei, Muster mit Hilfe von Schablonen eingefärbt. Das Resultat: dunkelrot-braune Verzierungen. Sämtliche Körperhaare waren bereits entfernt worden. Warmes Wachs, auf die Haut gestrichen, wurde nach Erkalten samt Härchen abgerissen.
Nach diesen Vorbereitungen wurde der jungen Frau ein weißes, ärmelloses, schmales Hochzeitskleid übergestreift, die Knie gerade bedeckend. Dazu weiße, spitze Pumps und über dem kinnlangen, fülligen Haar ein Schleier bis zu den Hüften. Sie nahm Platz auf einem "Thron", eine Holzbank, herausgeputzt mittels Polstern, Perserbrücke- und Kissen.
Kalte, alkoholfreie Getränke und Kuchen wurden gereicht.
Zum Abend trafen noch mehr Frauen ein. Der Hof füllte sich mit Gestalten, die in ihren schwarzen Umhängen an Raben erinnerten. Die Gäste zeigten großes Interesse an mir. Es wurde heftig ans Tor getrommelt, dann Frauenstimmen: "Wir wollen Um-Karim sehen!" - Das war ich. Eine Ausländerin, noch dazu mit heller Haut und kurzem Haar, hatten sie noch nie gesehen. Die wollten sie sich nicht entgehen lassen. Endlich etwas Abwechslung in der Monotonie des Alltags ...
Mir wurde die Ehre zuteil, der Braut beim Umkleiden und Zurechtmachen zu helfen. Im Laufe des Festes wechselte sie viermal ihre Garderobe. Über das warum hatte ich mir damals keine Gedanken gemacht. Heute glaube ich, daß sie den Frauen ihre Roben zeigen wollte, die sie später für ihren Mann tragen würde. Die Kleider, tiefdekolletiert oder mit schmalen Trägern, waren nach BURDA-Modellen geschneidert. Das Modeheft gibt es bis heute im Irak zu kaufen. - Nur in Gegenwart von Frauen oder vom eigenen Mann war es erlaubt, so "offenherzig" zu zeigen, was sonst streng unter schwarzem Schleier und Umhang verborgen war.
Als ich ihr hinter einem Paravent beim ersten Kleiderwechsel half, mußte ich mir ein Lachen verkneifen. Fadhila war offenbar nicht gewohnt, einen BH zu tragen. Nun legte sie ein überdimensionales Monstrum in rot und schwarz an, mit Körbchen, spitz wie Tüten und im Umfang so weit, daß ich eine breite Falte mittels Sicherheitsnadel hineinlegen mußte. Als Kleider- und BH-Träger nicht übereinander passen wollten, wurde wiederum mit Nadeln korrigiert ...
Nach Kleid und Haarfrisur die Nylons. Ich war amüsiert, als die junge Frau, nachdem sie die Strümpfe bis übers Knie gezogen, sie aufrollte und einen Knoten hineinschlug. Wie plump und komisch im Gegensatz zur Eleganz von Kleid und Schuhen ...
Als wir schließlich vor den Wandschirm traten, hatte sich eine Gruppe junger Mädchen versammelt, die darauf wartete, ebenfalls von mir geschminkt und frisiert zu werden. Mit größtem Vergnügen kam ich ihren Wünschen nach und brachte ihre unbändige Haarpracht in Form. So verging der Abend mit Zurechtmachen, An- und Auskleiden. Ich war Attraktion des Festes ...
Am nächsten Morgen standen Kisten und Schließkörbe im Hof. Fadhila nahm Abschied. Weinend klammerte sie sich an Vater und Mutter. Voll Mitgefühl weinte auch ich.
Ihre älteren Brüder begleiteten sie nach Bagdad. Dort heiratete sie und gehörte fortan in die Familie ihres Mannes.
Während unserer Heimreise mußte ich immer wieder an Fadhila, die traurige Braut, denken.
Viel später hörten wir, daß sie nicht glücklich war. - Ihr Angetrauter war ein alter Mann ...


