Aller Anfang ist schwer - ein Text der Malerin Gisela Al Amily
Die Künstlerin berichtet von einer Cholera-Epidemie zu Beginn ihres Lebens in Bagdad - und ihren etwas extremen Vorsichtsmaßnahmen dagegen - und vom sog. "Bagdad-Bauch". Sie erzählt von den ersten Erkundungsgängen in ihrer "besseren Wohngegend" und von aufkommender Sehnsucht beim Anblick sich lebhaft unterhaltender Nachbarsfrauen. Letztlich erwähnt sie ihre Schwiegerfamilie, deren Oberhaupt eine herausragende Persönlichkeit seiner Stadt ist.
Aller Anfang ist schwer
In Bagdad wütete die Cholera. Rimi, der immer auf der Erde herumkrabbelte und alles Mögliche in den Mund steckte, mußte geschützt werden. Also wischte ich täglich die Fußböden mit Chlorex. Niemals gingen wir mit Schuhen in die Wohnung. Jeder Einkauf von Packungen und Konserven wurde ersteinmal in ein Desinfektionsbad getaucht. - Auch vorm Klopapier machte ich nicht halt - es war ja im Nu wieder trocken.......
Von der Cholera blieben wir verschont, dafür quälte uns der sogenannte "Bagdad-Bauch". Ein halbes Jahr lang immer wieder auftretende Krämpfe und Durchfälle, bis unser Verdauungssystem an das Leitungswasser gewöhnt war, das wir in großen Mengen tranken.
DURST - DURST - DURST !
Wenige Tage nach unserer Ankunft mußte Razak wieder zur Arbeit, gegen 14 Uhr war er zurück. Ich wagte meine ersten Spaziergänge mit Rimi durch die Nachbarschaft. Spätestens um zehn mußten wir wieder zuhause sein, bevor die Sonne erbarmungslos zuschlug.
Obwohl wir in einer besseren Wohngegend lebten, waren die Straßen sandig und holperig. Vor jedem Grundstückstor standen deckellose Müllbehälter mit Schwärmen von Fliegen. Selbst die Müllwagen waren offen und nahmen einem den Atem.....
Ich fand es spannend und bedrückend zugleich, in diesem fremden Land zu sein. Wie ein Exot fühlte ich mich zwischen den schwarz und weiß Gewandeten. Natürlich gab es auch europäisch gekleidete Menschen so wie ich, aber mir sah jeder die Ausländerin an. Manchmal sprachen mich ältere Leute an. Ihre Worte verstand ich noch nicht, aber ihre freundlichen Gesten.
Von unserem Wohnzimmerfenster konnte ich direkt in den Nachbargarten gegenüber blicken. Manchmal beobachtete ich verstohlen zwei Frauen, lebhaft schwatzend bei Mocca und anderen Erfrischungen. Voll Sehnsucht dachte ich dann an meine Freundin in der Heimat...
Gewiß, hier hatte ich mich mit Ulla Namo angefreundet, aber sie wohnte viel zu weit für ein spontanes Treffen, auch fehlte noch die Vertrautheit zwischen uns. Herta aus München, die Frau von Razaks Studienfreund Hussain, hatte ich kennengelernt. Sie gefiel mir sofort. Leider war sie ebenfalls schwer erreichbar, weil sie berufstätig war und in einem weitentfernten Stadtteil lebte. Andere Freunde meines Mannes besuchten uns mit ihren Frauen. Alle waren sehr freundlich zu mir, aber es gab keine richtige Verständigung, auch wenn ich inzwischen ein paar Brocken Arabisch gelernt hatte und die Gäste etwas Englisch sprachen. Genauso machten wir Besuche bei Freunden und Razaks verheiratetem Bruder Ahmed.
Vater und Mutter, die übrigens Cousin und Cousine waren, wie man es oft im Orient findet, und die Schwester lernte ich später kennen; Von ihnen werde ich an anderer Stelle noch ausführlich erzählen. Die Eltern wohnten in Qalat Salih, einer kleineren Stadt, etwa fünfhundert Kilometer südlich von Bagdad. Der Vater, Scheich Mohammed Hussain, war das religiöse Oberhaupt des Ortes. Razaks Schwester Bahia lebte mit ihrer großen Familie in Nedjef, der heiligen Stadt der Schiiten, gut zweihundert Kilometer südlich.


