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Freitag der Dreizehnte - ein Text der Malerin Gisela Al Amily

Die Malerin berichtet von ihrem schmerzlichen Abschied von Deutschland 1966 und von ihrer aufregenden und beschwerlichen Reise, allein mit ihrem kleinen Sohn, nach Bagdad in den Irak, wo sie - so dachte sie - für immer zusammen mit ihrem Mann leben würde. Unter anderem erwähnt sie einen Taxifahrer, der aus einem sehr ungewöhnlichen Grund einen höheren Preis forderte.


Freitag der Dreizehnte

9. September 1966. Nun war der Tag gekommen, den ich über sieben Monate herbeigesehnt und doch gefürchtet hatte: der Tag des Abschieds von meinen Eltern, von meiner Stadt.

Ich wollte meinem Mann für immer in seine irakische Heimat nach Bagdad folgen, zusammen mit unserem fast einjährigen Sohn Rimi.

Tagelang hatte ich meine zwei großen Koffer ein- und umgepackt, um möglichst viele persönliche Dinge mit in die Fremde zu nehmen. Egal, wie geschickt ich alles verstaute, am Ende blieben dreizehn Höschen und sieben Unterröcke übrig. Die trug ich zwiebelartig am Leibe.... "Brauereipferd" dachte ich, als ich mich schmunzelnd im Spiegel betrachtete.

Nach schmerzlichem Abschied von meinen Lieben, fuhren wir zunächst per Bahn für einige Tage zu unseren Freunden Elke und Horst (Pauler) nach Viernheim. Eine beschwerliche Reise: ein lebhaftes Kleinkind, zwei schwere Koffer, zwei Taschen mit Babynahrung und Windeln, Handtasche, Fotoapparat und....Pelzmantel. Dazu noch erhebliche Bewegungseinschränkung durch meinen "Wäschepanzer". Ehe ich die erste Reiseetappe vollendet hatte, war bereits eine Tasche verloren gegangen. Ich fühlte mich im wahrsten Sinne erleichtert....

Nach ein paar unbeschwerten Tagen im Freundeskreis wurden wir pünktlich um neun Uhr, zwei Stunden vor Abflugtermin unserer Maschine, zum Flughafen Frankfurt gebracht. Es war Freitag, der dreizehnte (Sept. 1966) Anm.1, einer, der seinem schlechten Ruf alle Ehre machte. Wir checkten ein, wurden von den Koffern befreit und machten es uns in einem Sessel in der Transithalle bequem, das Handgepäck neben uns aufgestapelt.

Mit innerer Anspannung erwartete ich die Ankündigung unseres Fluges, des ersten in unserem Leben - in ein fernes, fremdes Land, dessen Sprache wir nicht verstanden.

Um elf Uhr die Mitteilung, daß sich der Start wegen eines Maschinenschadens um drei Stunden verzögere. - Rimi wurde gefüttert und frisch gewindelt, fand aber keinen Schlaf in der unruhigen Umgebung. Um vierzehn Uhr nochmals zwei Stunden Aufschub. Das Warten wurde unerträglich wegen des übermüdeten Kindes und... meiner warmen Verpackung...

Sechzehn Uhr - der Eklat. Der Flug wurde für diesen Tag gestrichen, unsere Koffer mußten wir zurück nehmen und dann wurden alle Bagdad-Reisenden mit Sack und Pack in ein Hotel verfrachtet. Bei dieser Gelegenheit lernte ich ein deutsch-irakisches Ehepaar kennen, Ulla und Noel Namo mit seinen drei Kindern. Der Kleinste, Carlo, war in Rimis Alter. Die Eltern waren genau so bepackt und erschöpft wie ich.

In unserem Hotelzimmer gab es kein Kinderbett, in das ich mein Baby sicher hinlegen konnte, also trug ich es ständig mit mir herum, ob beim Essen oder auf dem Klo.

Die Nacht wurde zur Tortur. Rimi, völlig überdreht, tobte unaufhörlich in unserem gemeinsamen Bett herum, so daß wir keinen Schlaf fanden.

Am nächsten Morgen: ich bleich, mit Ringen unter den Augen, schlapp herabhängendem Haar - kaputt und verzweifelt. So sollte - mich nun mein Mann nach den vielen Monaten der Trennung wiedersehen.... Wenigstens entsprachen meine Körpermaße fast wieder dem Normalzustand, nachdem ich einen ganzen Stapel Unterwäsche in der Reisetasche verstauen konnte, aus der mein Kleiner bereits einiges an Nahrung und Windeln verbraucht hatte.

Später gab ich den Namos mein Geheimnis preis, worauf mir Noel lachend seine große Verwunderung über die plötzliche Wandlung meiner Figur gestand....

Ich war froh, mich der Familie anzuschließen. Wir halfen uns gegenseitig, als wir, wie Flüchtlinge bepackt, in der Frühe die kurze, aber mühevolle Strecke zum Bus zurücklegten.

Auf dem Flughafen noch einmal das Spiel vom Vortage: drei Stunden Verzögerung des Abflugs, aber dann, um vierzehn Uhr saßen wir tatsächlich in der nur halbbesetzten Maschine. Wir hatten so viel Platz, daß wir unsere übermüdeten Kinder auf die Sitze betten konnten. Rimi schlief bereits, als wir abhoben. Meine Anspannung ließ nach.

Ich weinte still vor mich hin - wann würde ich mein Heimatland wiedersehen?

Freundliche Stewardessen versorgten uns mit Speisen und Getränken.
Ich genoß meinen ersten Flug.

In Wien hatten wir einen längeren Aufenthalt, mußten das Flugzeug verlassen. Den Grund habe ich vergessen. Ich spazierte mit Rimi auf dem Arm durch die Transithalle, als ich plötzlich meinte, meinen Namen zu hören. Ich lauschte. Tatsächlich. Über Lautsprecher wurde ich gebeten, zum Eingang der Halle zu kommen. ELISABETH! Meine Wiener Freundin aus meiner Zeit in Villegly. - Am Vortage hatte sie schon einmal versucht, mich zu treffen. - Ich war bewegt.

Sie steckte mir kleine Geschenke zu und schon mußten wir einander Lebewohl sagen. Die Reise ging weiter.

Nächster Stop: Beirut.

Dort drängelte sich eine so große Menge neuer Fluggäste in die Maschine, daß ich Rimi auf den Schoß nehmen mußte.

Erst wurde es eng, dann problematisch, als zum Abendbrot halbe Hähnchen serviert wurden. -

Um mich während des Essens zu entlasten, nahm mir unser Sitznachbar, ein Priester, den Jungen ab, bereute seine Hilfsbereitschaft sicherlich sofort, als der Kleine ihm das just eingenommene Mahl über die Soutane spuckte....

Ich hatte nur noch einen Wunsch: diese Reise endlich zu beenden....

Noch zwei Stunden, dann Bagdad. Eine Stewardesse trug das Kind, ich das Gepäck. Als ich aus dem Flugzeug trat, mein erster Gedanke: "Backofen". Trotz des späten Abends schlug uns heiße Luft, gesättigt von mir fremden Gerüchen, entgegen. Während ich über das Rollfeld ging in Richtung Flughafengebäude, versuchte ich, meinen Mann dort in einer unüberschaubaren Menschenmenge auszumachen. Männer in langen, weißen Gewändern (Dischdasche) und weiß-schwarz-karierten Kopftüchern, Frauen in schwarzen Umhängen (Abaya), die sie von Kopf bis Fuß einhüllten, standen dichtgedrängt und warteten ungeduldig auf Verwandte oder Freunde, die sie nach eintägiger Verspätung endlich in Empfang nehmen wollten.

Da löste sich eine Gestalt aus der Masse: RAZAK. Wir umarmten uns glücklich, aber kurz. Ich wußte, Zärtlichkeiten zwischen Mann und Frau waren in der Öffentlichkeit nicht erlaubt.

In meinem Kopf drehte sich alles vor Erschöpfung. Dazu das Menschen Gewimmel, fremde Laute und die Hitze.

Schnell die Koffer vom Fließband, durch den Zoll und zum Taxenstand. Mein Mann handelte den Fahrpreis aus, dann fuhren wir zu unserer Wohnung. - Ich wollte auf keinen Fall in einem Einzelhaus mit Garten leben aus Angst vor Schlangen und Skorpionen, von denen es in meiner Vorstellung nur so wimmeln mußte...

Neugierig blickte ich aus dem Taxifenster. Viel war im Scheinwerferlicht nicht zu erkennen: vereinzelte Hütten, staubige Palmen am Straßenrand. Je näher wir dem Stadtzentrum kamen, desto wilder wurde der Autoverkehr, begleitet von unaufhörlichem Hupen. Trotz vorgerückter Stunde waren noch viele Menschen unterwegs. Häuser wie in Ocker getaucht, winzige Läden dicht an dicht, auf den Gehwegen verbeulte Müllbehälter, die einen faulen Gestank verbreiteten, Katzen auf Nahrungssuche, dann wieder Geruch nach Gewürzen, gegrilltem Fleisch und...Kerosin. Telefondrähte hingen wie Hängematten über den Köpfen der Passanten. Papier wirbelte über die staubige, löchrige Fahrbahn.

Das hier war also meine neue Heimat....

Noch ein paar Nebenstraßen, dann waren wir am Ziel, einem zweigeschossigen, von Sträuchern umgebenen Appartmentgebäude.

Bei der Bezahlung kam es zwischen Fahrer und Razak zum Streit. Mir wurde mulmig. Verstand nicht, worum es ging.

Als der Taxichauffeur sich schließlich davon gemacht hatte, erzählte mir mein Mann voller Empörung, der Kerl habe einen höheren Fahrpreis verlangen wollen, weil wir Schulter an Schulter gesessen hätten....


Anm.1 Der 13. September 1966 war kein Freitag, sondern ein Dienstag. Vermutlich war die Erinnerung der Künstlerin an diesen Tag mit der "Unglückszahl" dreizehn in Anbetracht der Beschwerlichkeiten an diesem Tag ungenau.